: Zu Nikolaus wird abgerechnet
■ Statt Spekulatius im Schuh: In Holland beschenkt sich die Familie mit ironischen Gedichten
Zu Nikolaus wird abgerechnet
Statt Spekulatius im Schuh: In Holland beschenkt sich die Familie mit ironischen Gedichten
„Und komm ich dann nach Haus / guckst du an mir runter / und meinst dann munter / Kind, wie siehst du bloß wieder aus.“ So dichtet im holländischen Zevenaar Tochter Liesje für Mutter Antje zu Nikolaus.
Denn jenseits der nahen Grenze ist eigentlich alles ganz anders: Nicht Weihnachten ist das Fest der Feste, nicht die Heilige Nacht die Erlösung von den vielen schlaflosen Nächten des Grübelns über das besondere Geschenk für die Lieben — nein, es ist der Nikolaus, der den Konsumrausch und den Geschenk-Kauf-Streß auslöst. Und was die orginellsten und teuersten Präsente auf dem Gabentisch an Wichtigkeit bei weitem überflügelt, ist die ironisch- sarkastische Charakterstudie, die alle Familienmitglieder in Zeilenform übereinander anfertigen. Am Abend des 5. Dezember werden in holländischen Wohnzimmern die Reime einander vorgetragen.
„Das ist die beste Gelegenheit, die Wahrheit über die anderen zu sagen“, meint Liesje aus Zevenaar. Eifrige beginnen schon im September, Zeile um Zeile aneinanderzufügen. Doch spätestens ab Mitte November wird es dann ernst mit der Dichterei. Dann kommt nämlich Sankt Nikolaus mit einem Dampfschiff aus Spanien in den Niederlanden an — Live-Übertragung im Fernsehen — , reitet auf seinem Schimmel durchs Land und wird von diversen BürgermeisterInnen empfangen. Nun wird es höchste Zeit, die Marotten und Unarten der lieben Eltern oder Geschwister ins Lächerliche zu ziehen. Alles im Namen von Sankt Nikolaus versteht sich.
Zum Bespiel eine Schwester über ihre Schwester: „Letzten Sommer fragte sich Sankt Nikolaus / Wie sieht–s wohl mit dem Liesje aus? / Wann hat sie endlich fertig studiert? / Sie hat doch wirklich genug Staatsknete kassiert.“
In wessen Hirn sich bei dem Gedanken an die liebe Familie nichts als Leere im Hirn ausbreitet, die oder der kann sich auch im Kaufhaus von einem Kaufhausdichter ein paar Zeilen reimen lassen; für 2 Gulden pro Zeile, Festtags-Sonderangebot. sim
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