: Zu Händen Til Mette, vertraulich
■ "Kunstschraffur"-Eröffnung von Evi, Tom, Ali, viel Krach und einem Herrn Professor
Zu Händen Til Mette, vertraulich
„Kunstschraffur“-Eröffnung von Evi, Tom, Ali, viel Krach und einem Herrn Professor
Sehr geehrter Herr Mette
Gern würde ich Sie und Ihre Gattin Ina einmal kennenlernen. Aber New York ist leider nicht „um' Pudding“, wie der Bremer sagt. Deshalb war meine Freude groß, als ich kürzlich hörte, Sie seien auf einen Sprung in unser kleines Nest gekommen, und zwar, um eine Straßen-Kunstaktion durchzuführen. Man raunte gar, die Bremer Straßenbahngesellschaft habe nach zähen Verhandlungen ihr Portemonnaie geöffnet und „freie Fahrt“ gegeben, damit Ihr künstlerisches Werk Gestalt gewönne. Eine einmalige Gelegenheit also für mich, Ihr Schaffen kennenzulernen. Und ich muß Ihnen sagen: Trotz des ohrenbetäubenden Lärms war die Bekanntschaft mit Ihrem Werk für eine ältere Dame, die unter Altersweitsicht leidet, ein recht beglückendes Erlebnis. Seesterne, Fischgerippe, Schildkröte, Fahrrad, Wasserball, ein grünes (Gummi?)-Entchen — alles ist ganz herrlich ohne Brille zu erkennen, während die weißen Straßenschraffuren dem gekniffenen Auge gute Orientierungshilfe bieten.
Wissen Sie, ich verstehe im Grunde nichts von Kunst, finde aber, Farbe muß sein. Und Sie scheinen das ebenfalls zu finden: so leuchtend ist Ihnen das Meeresblau, so warm das Sandgelb gelungen. Und das grüne Entchen: ich würde es am liebsten von der Straße pflücken und in meine Badewanne setzen. Manches aber konnte ich nur schlecht erkennen. Es wirkte insgesamt, nehmen Sie mir das nicht übel, ein wenig „hingehuddelt“. Auch soll Ihnen, wie man hört, in Ihrem bisherigen Schaffen das Wecken von Begeisterung entschieden besser gelungen sein. Trotzdem bedaure ich sehr, daß man Ihr Kunstwerk, ich möchte mal sagen, mit Füßen tritt und Autos sowie die Straßenbahn darüber hinwegfahren heißt. Das scheint mir einen Mangel an Respekt seitens des Auftraggebers zu verraten. Aber, wie gesagt, ich verstehe nichts von Kunst.
Sehr hilfreich war mir deshalb die reizende Rede eines mir bis dato völlig unbekannt gebliebenen Herrn Professor Krämer-Badoni, der meinte, Sie hätten den Strand unter dem Pflaster hervorgeholt. Ich hätte nie für möglich gehalten, daß Bremen auf Sand gebaut hat. Aber man lernt nie aus. Könnten Sie mir da Genaueres erklären? (An den Professor ist leider nicht heranzukommen).
Gern blicke ich Ihrer Antwort entgegen.
In großer Verehrung
Sybille Simon-Zülch
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