: Zehn Jahre warten für nichts
Hamburg will Mittel zur Einrichtung von Wohngruppen für Schwerbehinderte streichen / Spastikerverein sieht Projekte gefährdet ■ Von Elke Spanner
Es geht einfach nicht mehr: „Eltern und Kinder müssen sich doch irgendwann voneinander abnabeln“, seufzt Maren P. Sie wünscht sich den Auszug ihres Sohnes. Der ist bereits 31 Jahre alt. Auch er wäre gerne unabhängiger von seiner Mutter. Doch Mark P. ist mehrfach schwerbehindert. Will er über sein Leben auch außerhalb seiner Familie mitbestimmen, kann er nur in einer betreuten Wohngruppe leben.
Seit 10 Jahren steht Mark auf der Warteliste des Hamburger Spastikervereins. Er wird weitere Jahre warten müssen: Wie der Spastikerverein über die Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales (BAGS) erfahren haben will, besteht keine Chance, daß im Stadthaushalt für das Jahr 1998 Mittel für die Einrichtung weiterer Wohngruppen vorgesehen werden. Die BAGS selbst enthielt sich gestern jeder Stellungnahme.
Seit 1978 gibt es das Wohngruppenmodell in Hamburg. Verteilt über die Stadt leben jeweils acht geistig und mehrfach schwerbehinderte Menschen zusammen, betreut von Fachkräften und Zivildienstleistenden. 341 Plätze bietet der Spastikerverein bislang, jährlich wurden bis zu 80 neue geschaffen. Auch für die Zukunft ist eine Menge in Planung: 41 Plätze sollen in diesem und im nächsten Jahr dazukommen. Doch ab 1998 scheint Schluß zu sein – obwohl 225 Menschen auf der Warteliste stehen.
Die Schwester von Carsten B. muß sich schon seit fünf Jahren gedulden; ebenso wie ihre Mutter, bei der die 35jährige lebt. „Sie klammern sich so eng aneinander, daß beiden kaum Freiraum mehr bleibt“, sagt Carsten B. Dadurch sei die Stimmung stets spannungsgeladen. Zudem sei die Mutter betagt und mit ihren Kräften am Ende.
Da der Hamburger Haushalt für 1998 noch nicht verabschiedet ist, ist auch das letzte Wort über die Streichung der Mittel noch nicht gesprochen. Doch schon jetzt wirft die städtische Finanzplanung ihre Schatten voraus: Rund drei Jahre benötigt der Hamburger Spastikerverein von der Planung bis zur Realisierung einer neuen Wohngruppe. Die Großwohnungen liegen in Sozialbauten. Da sie bedarfsgerecht auszubauen sind, müssen sie bei Neubauvorhaben frühzeitig eingeplant werden. „Die Wohnungsbauträger brauchen Planungssicherheit“ erläutert Geschäftsführer Martin Eckert. Für im Jahr 1998 zu realisierende Projekte könne jetzt keine Kostendeckung zugesichert werden – wodurch die Pläne faktisch auf Eis gelegt sind.
Sollten keine neuen Wohngruppen mehr entstehen, könnten in Zukunft nur noch Plätze an Behinderte vergeben werden, wenn aus einer Gruppe jemand auszieht. Bei der Stiftung Alsterdorfer Anstalten etwa werden schon jetzt die Plätze so verteilt. Allerdings werden bei den derzeit 45 Gruppen des Spastikervereins im Schnitt nur rund sechs Zimmer im Jahr frei.
Der Schritt in die Abnabelung wird so für schwerbehinderte Kinder immer unwahrscheinlicher. Maren P.: „Wenn mein Sohn erst 50 ist, braucht er nicht mehr auszuziehen.“
Umverteilung gegen rechts
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