Zehn Jahre Krieg in Libyen: Das libysche Herz wiederbeleben

Vor zehn Jahren wurde die Gaddafi-Diktatur gestürzt, doch Libyen fand nicht zum Frieden. Zwei Rückblicke aus Bengasi, wo alles begann.

Zerstörte Gebäude in Bengasi.

Drei Kriege in zehn Jahren sind sichtbar: Zentrum von Bengasi im Juli 2019 Foto: Mirco Keilberth

TUNIS taz | Mohamed Jaaouda zog es am 14. Februar 2011 mit vielen anderen auf den Freiheitsplatz in Bengasi. Aus den wütenden Protesten der Angehörigen inhaftierter Libyer wurde eine Massenbewegung, der Ingenieur wurde einer der Organisatoren eines Bürgermarsches durch die Stadt.

Am 17. Februar eskalierte die Lage blutig vor der Kaserne der libyschen Armee. Das trieb auch diejenigen auf die Straße, die aus Angst vor dem Geheimdienst des diktatorischen „Revolutionsführers“ Muammar al-Gaddafi zu Hause geblieben waren. Drei Tage später waren sämtliche Vertreter des Regimes aus Bengasi geflohen.

Die internationale Euphorie darüber ließ Jaaouda kalt. Der Ingenieur erinnert sich an sorgenvolle Gespräche mit seinen Freunden. „Wir waren überzeugt davon, dass die Befreiung Bengasis das Ende jeglicher zentralistischen Herrschaft über Libyen war. Aber die immense Größe des Landes, die unterschiedlichen Erfahrungen nach 42 Jahren Willkürherrschaft und die unterschiedlichen Ziele der Revolutionäre machten uns Angst. Ich entschied für mich, dass wir Bürger in unserem Umfeld jetzt die Dinge selber in die Hand nehmen müssen.“

Aufstand Nach dem Sturz der Diktaturen in Tunesien (Januar 2011) und in Ägypten (Februar 2011) gingen auch in Libyen die Menschen gegen den seit 1969 autokratisch herrschenden Muammar al-Gaddafi auf die Straße. Nach wochenlangen Protesten eskalierte die Lage am 15. Februar 2011, als in der östlichen Stadt Bengasi die Polizei auf wütende Demonstranten schoss. Die Oppositionellen riefen daraufhin zu landesweiten Massenprotesten am 17. Februar auf. Damit wurde aus der Protestbewegung ein Volksaufstand.

Krieg Nachdem Gaddafi die Aufständischen als „Ratten“ und sich selbst als „Revolutionsführer bis ans Ende aller Zeiten“ bezeichnete und ankündigte, Libyen „von Haus zu Haus zu säubern“, erlaubte der UN-Sicherheitsrat am 17. März 2011 ein militärisches Eingreifen zum Schutz der Zivilbevölkerung. Die Nato griff aus der Luft zugunsten der Aufständischen ein, die im August die Hauptstadt Tripolis eroberten. Gaddafi wurde im Oktober in seiner Geburtsstadt Sirte getötet.

Der 42-Jährige gründete die Initiative „Al-Amal“ – Hoffnung. Während westlich von Bengasi Kämpfe zwischen revolutionären Milizen und Gaddafis Panzereinheiten tobten, kaufte Jaaouda mit privaten Spenden Besen, Schaufeln und Mülleimer. Über Facebook trommelte der Aktivist jedes Wochenende Freiwillige zusammen, die verwahrloste Straßenzüge oder Spielplätze aufräumten.

Freiwillige schlossen sich an

Als im Sommer in der 800 Kilometer entfernten Hauptstadt Tripolis Gaddafi gestürzt war, kehrte in Bengasi Normalität ein. Jaaouda pflanzte Bäume, er richtete den „Platz der Armee“ wieder her, dort wo König Idriss 1947 das freie Libyen ausgerufen hatte. Immer mehr Freiwillige schlossen sich seinen Aufräumaktionen an.

Doch unter den vielen nach Bengasi zurückkehrenden Exillibyern waren auch Islamisten, die in Afghanistan oder im Irak gekämpft hatten. Im Juni 2012 zog eine lange Kolonne von Kämpfern der Miliz „Ansar Scharia“ auf den Tahrir-Platz, an dem Tag, als eine Bürgerversammlung über eine föderale Verfassung diskutierte. Mohamed Jaaouda wurde Zeuge der Wortgefechte zwischen den Radikalen und den Bürgern, die sich ein Jahr zuvor die Freiheit erkämpft hatten.

Die Islamisten eroberten einen Großteil Bengasis, Bürgerproteste gegen die neue Willkürherrschaft wurden mit Schüssen beendet. Jaaouda wagte sich dennoch jeden Samstag auf die Straße, er überzeugte die Milizenkommandeure, dass es in ihrem Interesse sei, wenn Schulen und öffentliche Plätze sicher und sauber seien.

Mann mit T-Shirt und Sonnenbrille steht auf der Straße

Der unermüdliche Aufräumer der Altstadt von Bengasi: Mohamed Jaaouda Foto: Mirco Keilberth

Als dann der alte Armeegeneral Chalifa Haftar mit ägyptischer Hilfe einen erbitterten Häuserkampf startete, um die Islamisten zu vertreiben, wurde Bengasis Altstadt zur Todeszone. „Die Revolution von 2011 ist nicht zufällig hier entstanden“, sagt Jaaouda. „Hier wurde einst Libyen zum Staat, hier konnte sich unter vier Jahrzehnten Gaddafi-Herrschaft eine intellektuelle Stadtelite halten, weit weg von der Korruption in Tripolis.“

Überall wurde gehetzt

Mit Haftars Sieg und seiner „Libysch-arabischen Nationalarmee“ ist eine Polizeistaatsmentalität zurückgekehrt. Aber noch immer räumen Jaaouda und seine über 200 Freiwilligen jeden Samstag Trümmer auf Tieflader. „Das Herz Libyens schlägt nicht mehr“, sagt Jaaouda mit einer Schaufel in der Hand. „Wir müssen es wiederbeleben.“

Im November 2015, während des Krieges in Bengasi zwischen islamistischen Milizen und der „Libysch-arabischen Nationalarmee“ des Generals Chalifa Haftar, hatten Hussam Thini und sein Freund Mohamed Tarhouni genug.

Rehab Shennib vor einem Kunstwerk.

Kampf für Offenheit: Rehab Shennib leitet eine Kulturinitiative Foto: Mirco Keilberth

Auf ihren sozialen Medienseiten, aus dem Autoradio, im Fernsehen, überall wurde gehetzt. Wer nicht für Haftar war, wurde in ostlibyschen Medien zum Muslimbruder und damit zum Feind erklärt. Wer aus Ostlibyen stammte, wurde im westlibyschen Tripolis als Anhänger Haftars und damit des alten Regimes diffamiert. „Überall war Hass“, blickt der 30-jährige Thinni zurück. „Ich begann, mir Sorgen um meine jungen Geschwister zu machen, als ich Kinder auf der Straße sah, die Hinrichtungen nachspielten.“

Zusammen mit Freunden gründeten sie das Kulturzentrum Tanarout in Bengasi. Beide kamen regelmäßig zu Workshops nach Tunis und hatten Freunde in der ganzen Welt. Seit die Initiative Spenden für die Miete eines 200 Quadratmeter großen Kellers zusammenbekommen hat, bieten Freiwillige Musik- und Sprachunterricht an.

Workshops als Fluchtpunkt

Junge Frauen kommen jeden Abend und lernen Zeichnen oder geben Nachhilfe, einmal die Woche probt eine Theatergruppe. Das Miteinander von Jungen und Mädchen ist keine Selbstverständlichkeit in einer Stadt wie Bengasi. Als islamistische Milizen das Sagen hatten, warfen sie Frauen aus den gemischten Cafés.

Nun leitet die Lehrerin und Apothekerin Rehab Shennib die Kulturinitiative, die Straßenkonzerte organisiert und Kalligrafieworkshops anbietet. „Wir sind für viele Jugendliche der einzige Ort, an dem sie den Krieg und die tägliche Gewalt auf der Straße verarbeiten können“, sagt sie. Gerade junge Frauen trauen sich oft nicht mehr aus dem Haus, berichtet die Frau mit dem Kopftuch.

Mit dem Sieg Haftars in Bengasi ist zwar Ruhe eingekehrt. Doch in Haftars Armee kämpfen auch salafistische Gruppen. Sie überziehen Tanarout mit Gerüchten über Drogen und unsittliches Gebaren. Nach Morddrohungen hat Rehab Shennib den Betrieb daher vor einigen Wochen eingestellt. Nun soll ein Gericht entscheiden, ob Kultur in Bengasi wieder erwünscht ist.

Hoffnung auf Versöhnung

Die Mutter einer siebenjährigen Tochter ist sich bewusst, in welche Gefahr sie sich als Verantwortliche eines Kulturprojekts begeben hat. „Es ist kein Problem, öffentlich in Maßen Kritik an den Herrschenden zu üben. Aber in einer Nachkriegssituation wird auf die sozialen Regeln Wert gelegt, und diese sind in den letzten Jahren immer konservativer geworden.“

Über 70 Prozent der rund 7 Millionen Libyer sind unter 30 Jahre alt. Gerade die ganz Jungen stellen aber die Regeln in Frage. In kleinen Gruppen setzen sich heute gerade erst volljährig gewordene Mädchen in Cafés, in denen es bis vor Kurzem noch verpönt war, Frauen überhaupt zu bedienen.

„Ich bin keine Revolutionärin, ich bin gläubig. Aber ich möchte, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben“, sagt sie. Bei einem Treffen im vergangenen Jahr war der zierlichen Frau anzumerken, wie stolz sie auf die vielen musizierenden Mädchen ist, die durch Tanarout die häusliche Isolation verlassen konnten.

Shennib glaubt, dass die Kriege seit 2011 jetzt Versöhnung möglich machen. Während der Revolution war sie zu Hause geblieben. „Ich arbeite dafür nun an einer Evolution“, sagt sie. „Die Revolution hat noch gar nicht begonnen.“

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