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Yelizaveta Landenberger EastsplainingDie Kultur bleibt wehrhaft

Foto: privat

Wars“ lautete der Titel der Konferenz in München, an der ich Ende Januar teilnahm. Künst­ler:in­nen, Ak­ti­vis­t:in­nen und For­sche­r:in­nen aus Mittel- und Osteuropa kamen im HochX Theater zusammen, um über Kultur in einer düsteren Gegenwart und noch düstereren Zukunft zu sprechen. Schließlich herrscht seit vier Jahren Krieg in der Ukraine – es ist der größte in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, und er droht sich auszuweiten. Zugleich sind autoritäre, prorussische Regime auf dem Vormarsch, die eine freie Kultur verachten und ihr regelrecht den Krieg erklärt haben.

In der Slowakei bekleidet seit Herbst 2023 die Verschwörungstheoretikerin Martina Šim­ko­vi­čo­vá den Posten der Kulturministerin. Sie behauptete einmal, LGBTQ-Personen seien schuld am Aussterben der „weißen Rasse“. Laut ihrem berühmten tautologischen Ausspruch soll die slowakische Kultur eine „slowakische“ sein – „und keine andere“. Deshalb schloss Šim­ko­vi­čo­vá wenige Monate nach Amtsantritt die Kunsthalle Bratislava, welche die für sie unliebsame zeitgenössische Kunst ausstellte. Die Agenda der Kulturministerin führte zur Formierung eines breiten zivilgesellschaftlichen Widerstands, doch die De­struk­tion ließ sich nicht aufhalten. Innerhalb kürzester Zeit hatte Šimkovičová den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in einen Staatsfunk umgebaut, kompetente Di­rek­to­r:in­nen staatlicher Kultur­insti­tu­tio­nen durch loyale Ideologen ersetzt und die Fördermittelvergabe unter ihre Kon­trol­le gebracht. Die AfD dürfte hierzulande Ähnliches im Schilde führen. Die Ultrarechten sind gut vernetzt.

Im Nachbarland der Slowakei Ukraine sind derweil viele Künst­le­r:in­nen an der Front, um ihr Leben in Demokratie und Selbstbestimmung zu verteidigen. Und wer nicht selbst dort ist, hilft seinen kämpfenden Freun­d:in­nen oder Familienmitgliedern. Die Künstlerin Sofiia Kozlova fertigt seit den ersten Tagen der Großinvasion Tarnnetze. Wichtig ist dabei, farblich exakt auf die Umgebung abgestimmte Textilien auszuwählen, damit die Tarnung nicht auffliegt. In ihrer Kunst, etwa in der Arbeit „Horizon Lines“ aus dem vergangenen Jahr, reflektiert Kozlova diese Tätigkeit. So verbindet sie ein Foto der verdorrten blassgelben Sonnenblumenfelder aus der Region Cherson mit einem Foto von Jutegarn, das sie als Material für das entsprechende Tarnnetz auswählte. In ihrer Fotocollage verschwimmen Landschafts- und Stoffhorizonte. Der Soldat Vladyslav Kalan, der Kozlova aus der vom Bergbau geprägten Region Donezk die Aufnahme einer eigentümlich schönen Bergehalde zugesandt hatte, ist im vergangenen Sommer gefallen. Er wurde nur 24 Jahre alt.

Für erregte Diskussionen sorgte das Projekt der polnischen Theaterregisseurin Magda ­Szpecht. Ihr Stück „Spy Girls“ erarbeitete sie im Auftrag des Theaters in der Stadt Narva an der Grenze zu Russland und kooperierte dabei mit dem estnischen Geheimdienst. Zusammen mit drei anonymen Schau­spie­le­r:in­nen erstellte die Regisseurin Fake-Datingprofile, suchte gezielt nach russischen Soldaten, bemühte sich, eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen aufzubauen, um ihnen relevante Informationen zu entlocken. „Es war leicht, die Männer auszutricksen, denn sie wollten alle angeben“, erzählte ­Szpecht während ihres Vortrags auf der Konferenz. Auf der Theaterbühne präsentieren die Schau­spie­le­r:in­nen in einer Performance ihre Ausbeute inklusive intimer Textnachrichten und Dickpics, tätigen aber auch einen Live­videocall, der jedes Mal unterschiedlich glückt.

Yelizaveta Landenberger schreibt hier regelmäßig über Ost- und Mitteleuropa.

Nach ­Szpechts Präsentation sagte mir eine sichtlich schockierte deutsche Zuhörerin beim Kaffee, sie könne nicht automatisch jeden russischen Soldaten als Feind sehen. Sie fand es ungerecht, dass Szpecht sie mit ihrer Spionagekunst ausbeute. Nun, die bewegt sich freilich in einer ethischen Grauzone. Doch bin ich mir sicher, dass die Reaktion der Zuhörerin ganz anders ausgefallen wäre, würde sie oder würden ihre Liebsten unter dem ständigen Terror aus der Luft leben müssen. Oder würde sie auch nur aus einem der östlich von Deutschland gelegenen Länder kommen, die eine baldige russische Invasion fürchten. Denn es ist nie Putin, der die Waffen bedient und der Kriegsverbrechen begeht. Es ist immer nur ein gewöhnlicher russischer Soldat.

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