: Worum es ganz zentral geht
■ Betr.: "Der Schlüssel, Saddam zu stoppen, liegt bei uns selbst", taz vom 20.2.91
betr.: „Der Schlüssel, Saddam zu stoppen, liegt bei uns selbst“, Interview mit Claudia von Braunmühl (Nachdenken — Querdenken), taz vom 20.2.91
[...] Ich habe schon lange keinen Beitrag mehr gelesen, in dem die Probleme, die viele Menschen hierzulande bewegen, so klar und ohne jedes wortgewaltige Getöse auf den Punkt gebracht wurden, wie in den Aussagen von Claudia von Braunmühl.
Wir wissen, daß der Golfkrieg viel zu tun hat mit dem Konflikt zwischen den hochentwickelten westlichen Industrieländern und den Dritte-Welt-Ländern. Ich teile das Unbehagen gegenüber der Tatsache, daß sich momentan das Augenmerk nur auf den Krieg und die Kriegstoten richtet, während die weltweit alltäglichen Opfer der „nichtmilitärischen Waffen“ aus dem Blickfeld geraten. Ausgehend von der Realität der „durchkapitalisierten Welt“, zu der wir linken, kritisch denkenden Menschen nicht mehr so einfach eine Systemalternative benennen und beschreiben können, stellt sich immer wieder die Frage, wie grundlegende Veränderungen dieser schlechten Realität erreichbar sein könnten. Daß diese notwendigen Veränderungen für uns eine persönliche Dimension haben im Sinne des „Anders leben, weniger konsumieren“, ist wohl inzwischen hierzulande vielen Menschen klar, und sicher wären auch viele Menschen zu einem Verzicht bereit — Stichworte: allzu billiger Kaffee, Baumwolle, Seide und andere Rohstoffe für Gebrauchsgüter in dieser Überflußgesellschaft. Aber wie der Transfer von persönlichen Einsichten (=moralischer Ökonomie) in Politikvorgänge und wirtschaftliche Steuerungsmechanismen vorgehen kann, ist genau das Problem, auf das Carola von Braunmühl auch keine Antwort gibt.
Aber sie stellt die Frage präzise, und das ist im Moment vielleicht die einzige Möglichkeit: Immer wieder diese Frage aufwerfen, damit deutlich wird, worum es ganz zentral geht. Doris Möhlhenrich, West-Berlin
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