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Das Festival „Theaternatur“ im Harz übt, kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Dialog über Meinungsgrenzen hinweg. Plädoyer für eine Streitkultur
Foto: Nordstadtlicht
Von Jens Fischer
Nicht wie Bewohner einer Kleinmänner-WG, die sich mit gleichgesinnter Heiterkeit in Freizeitritualen vom Untertagejob erholt, sondern einander entfremdet kommen die Figuren bei der Eröffnung des 12. „Theaternatur Festivals“ auf die Waldbühne in Benneckenstein. Das ist eine halbrunde Freilichtarena mit fast 500 Sitzplätzen, zwei Kilometer entfernt vom Dreiländereck im Harz.
In dieser ehemaligen Bergbauregion mit ihrer noch nicht geheilten West-Ost-Zerrissenheit funktioniert die zerbrochene Bergarbeitergemeinschaft der erwähnten Schneewittchenzwerge als Identifikationsobjekt und als Beispiel fürs allgemeine Unbehagen an einer Kultur der Ab- und Ausgrenzung.
Solch regional verankerte, an klassische Stoffe angedockte Auseinandersetzungen mit den blühenden Problemlandschaften der Welt zeichnet die Eigenproduktionen dieses Festivals der freien darstellenden Künste aus. Die Uraufführung „Irgendwas mit: Schneewittchen! Alles was ich dir nicht glaube“ von Regisseur Benjamin Junghans und Dramaturgin Rosa Rieck ist ein herausragendes Beispiel für das Motto „un|verbunden?“.
„Aber es ist nicht klar, ob wir so etwas auch nächstes Jahr noch machen können“, sagt Festivalleiter Jan-Hendrik Hermann. Denn die Waldbühne liegt auf der östlichen Seite der einstigen innerdeutschen Grenze: in Sachsen-Anhalt.
Dort finden am 6. September Landtagswahlen statt. Den Wahlkreis rund um die ehemalige CDU-Hochburg Benneckenstein hat bei der Bundestagswahl 2025 die AfD mit 38,4 Prozent gewonnen, aktuelle Prognosen klingen noch desaströser. In Benneckenstein wehen viele Deutschlandfahnen.
Mit Kultur will die AfD Sachsen-Anhalt nach einem Wahlsieg für „für eine patriotische Wende“ sorgen. Fördergelder seien nur noch an Einrichtungen zu vergeben, die zuvor ein „Bekenntnis zur deutschen Nationalkultur“ abgäben. Zu dieser Gesinnungskontrolle und Gleichschaltung wären die Macher der ästhetischen und inhaltlichen Festivalvielfalt eher nicht bereit. Obwohl das Land laut Hermann bereits 45.000 Euro für die Festivalausgabe 2027 vom Land zugesagt hat, stehen die auf der Kippe, weil die Bewilligung nur vorbehaltlich der Haushaltslage gilt.
Fraglich sei auch, ob nach einem AfD-Wahlsieg Lotto Sachsen-Anhalt erneut 47.000 Euro zuschieße, ob Stiftungen und Geldinstitute weiter unterstützen und 50 regionale Sponsoren aktiv bleiben würden, die derzeit mehr als ein Drittel zum 250.000-Euro-Etat beitragen. Dass zeitgenössisches Theater vor Ort schon jetzt nicht nur Liebhaber hat, zeigt Vandalismus vor der Eröffnung: „Theaternatur“-Banner wurden aufgeschlitzt, ein eingeritztes Hakenkreuz musste entfernt werden.
Unter den 20 Schauspiel-, Performance-, Musik- und Tanzgastspielen des Festivals befindet sich durchaus das, was die AfD wohl mit Begriffen aus ihrem Regierungsprogramm – als „antideutsche Kunst“ oder „International(istisch)es“ – diskreditieren würde, etwa das Dokumentarstück „Radikal Jung – Rechtsextremismus unter Jugendlichen“, vom Berliner Kollektiv Polyformers mit Harzer Jugendlichen neu eingerichtet. Oder das „German Songbook“-Konzert, in dem Volkslieder in die Klangkultur von Jazz und Tango überführt werden.
Auch das Gastspiel „#armutsbetroffen“ (Lichthof Theater Hamburg) ist kein schwarz-rot-goldener Jubelabend. Möchte „Theaternatur“ ein offensives Anti-AfD-Festival sein? „Auf keinen Fall“, sagt Festivalleiter Hermann. Seine Sehnsucht gilt dem sozialen Mehrwert des Theaters, unterschiedliche Menschen zusammenzubringen, etwa Wähler der AfD und der Linken mit den Aufführungen in andere Perspektiven eintauchen zu lassen und Lust an der gemeinsamen Befassung mit der Welt zu wecken. Das Theaterfestival als gesellschaftlicher Kitt: Darauf laufen die Ansagen und Moderationen Hermanns hinaus.
Beispielhaft sind die Zwerg:innen in der besagter „Schneewittchen“-Befragung. Als eine Art erdverbunden-harmonischer Urgemeinschaft werden sie häufig wichtelputzig interpretiert. In der Benneckensteiner Version dagegen kommen fünf von ihnen zum 100. Todestag der Prinzessin zusammen, die sie zur Haushaltshilfe abgerichtet hatten.
Nun wollen sie gedenken, singen und Erinnerungen abgleichen. Dabei wird deutlich: Jede:r hat die Umstände ihres Todes, der zum Auseinanderfallen der Clique führte, anders wahrgenommen. Inzwischen sind alle völlig unterschiedlich denkende, meinende, fühlende Wesen.
Was sie einzig noch eint, ist ihre Haltlosigkeit im Hier und Heute. Das wird beim Anstimmen von „Ebony and Ivory“ sofort deutlich und der Vortrag des Popstatements für die Eintracht diverser Hautfarben schnell wieder abgebrochen. Zuvor ist von Schneewittchen die Rede als Zuwanderin, der Schutz und eine neue Heimat geboten wurde.
Ihre Fremdheit aber sei zu integrieren gewesen, was für sie bedeutet habe, das streng reglementierte Leben der Zwerg:innen perfekt einzuüben und zu bedienen. Bei diesem Vortrag verknäuelt sich der Schauspieler unter einem Tisch, um die geistige Enge des Gesagten physisch zu illustrieren.
Dagegen behaupten weitere Stimmen, was Schneewittchen anders gemacht habe, sei eine Aufwertung des eintönigen Alltags gewesen. Natürlich wird diskutiert, ob sie nur ein Rollenklischee reproduziert, Erwachsenwerden falsch verstanden und als devote Care-Arbeiterin auf einen Märchenprinzen gehofft habe. Gegen diese „scheiß Idee“ eines Happy Ends wird eine emanzipierte Variante erdacht: Habe Schneewittchen nicht mal gesagt, sie wolle keinesfalls den Rest ihres Lebens für sieben Männer die Unterhosen bügeln?
Aber so stark die Meinungen der Zwerg:innen auch auseinander gehen: Sie treten immer wieder in den Dialog, hören zu. Streiten. Trennen sich nicht endgültig, sondern verabreden ein neuerliches Treffen. Zeigen den Mut, im Gespräch zu bleiben.
Das „Theaternatur Festival“ in der Waldbühne Benneckenstein im Harz (Dreilandereck zwischen Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Thüringen) läuft noch bis 23. 8. 2026.
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