Wisente in Deutschland

Wildrinder künftig weniger wild

Die Wisentherde in NRW wird eingezäunt. Für Artenschützer ist das eine Übergangslösung. Andere hoffen, dass es dabei bleibt.

Einige Wisente im Wald, sich sonnend

Die sich sonnende Wisentherde kurz nach Start des umstrittenen Auswilderungsprojektes 2014 Foto: Thomas Lohnes/getty images

Die wilden Wisente in Nordrhein-Westfalen werden erst einmal eingezäunt. Das hat die Koordinierungsgruppe des Projekts aus Behörden, Waldbauern und Artenschützern am Mittwochabend auf einem Treffen in Siegen beschlossen. Demnach sollen die rund 20 Wisente mit gezielter Fütterung in ein 1.500 Hektar großes Gebiet gelockt werden, das mit einem Zaun umgeben wird. Dieser soll für Tierarten wie Hirsche oder Wildschweine durchlässig sein, für die bis zu 1,90 Meter großen Wildrinder aber nicht. Seit 2013 streifen sie im Rahmen eines Auswilderungsprojektes durch das Rothaargebirge. Künftig sollen sie sich ausschließlich in NRW-Landeswald aufhalten.

Der Kreis Siegen-Wittgenstein bezeichnet den Zaun als „Übergangslösung“ für die nächsten drei bis fünf Jahre, in denen das Land NRW ein wissenschaftliches Gutachten über das Freisetzungsprojekt erstellen lässt. Auf dessen Basis soll dann über die Zukunft der Wildrinder entschieden werden. An dem Treffen hatte extra NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) teilgenommen, um mit ihrem Vorschlag den lange schwelenden Konflikt um die Wisente zu lösen. Er beschäftigt seit Jahren verschiedene Gerichte; derzeit laufen Verfahren am Verwaltungsgericht Arnsberg und am Karlsruher Bundesgerichtshof.

Kern des Streits ist, ob die Wittgensteiner und Sauerländer Waldbauern es dulden müssen, dass freie Wisente ihre Buchenbestände anfressen. Zwar werden die Waldbesitzer insgesamt aus einem Fonds mit jährlich bis zu 50.000 Euro entschädigt; doch „wir wollen dieses Geld nicht“, sagt Lucas von Fürstenberg von der Interessengemeinschaft „Pro Wald“ aus dem sauerländischen Schmallenberg. Die Entschädigungszahlungen berücksichtigen nicht die langfristigen Folgen, die die Tiere an den wertvollen Buchen hinterließen. Von Fürstenberg lobt den Vorschlag; wichtig sei, dass „die Tiere nun dauerhaft hinter dem Zaun bleiben und nicht nach den nächsten Landtagswahlen oder in zwei Jahren wieder rausdürfen“.

Genau das Gegenteil verspricht sich der Trägerverein des Projektes. „Wir stimmen der Lösung zu, doch der Prozess muss ergebnisoffen bleiben“, sagt Michael Emmrich von der Wisent-Welt Wittgenstein. Erst in drei bis fünf Jahren müsse entschieden werden, ob die Tiere wieder freigelassen werden oder ob das Projekt beendet werde. „Langfristig wollen wir hier kein Gatterprojekt“, sagt Emmrich.

Dia­na Pretzell, Leiterin Biodiversitätspolitik beim WWF, hält den Zaun zwar für misslich, zunächst einmal aber für sinnvoll, um die Lage zu beruhigen. „Aus Sicht der Tiere wird jetzt schnell eine größere Fläche nötig“, sagt Pretzell, „die gibt die Landschaft dort auch her.“ In der Wildnis benötige eine Wisentherde je nach Geländebeschaffenheit 5.000- bis 7.000 Hektar Platz. Die Rinder in NRW müssten also zugefüttert werden.

Besser als ein Zaun sei ein gutes Management der Herde, sagt die Artenschützerin. So zeigten Erfahrungen mit Wisenten in Polen, dass die Tiere mittels GPS-Sendern überwacht und notfalls durch Rufe oder Gummigeschosse vergrämt, also verscheucht werden könnten, wenn sie unerwünschte Gebiete betreten. „Natürlich können Wisente auch in Gefangenschaft leben“, sagt Pretzell, „aber das Ziel des Projekts war ein anderes.“ Zu zeigen, dass für die großen Wildtiere mitten in Deutschland Platz sein kann.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben