Wirtschaft: Und noch mehr Immo-Pleiten
Auf dem C-Areal in Karlsruhe wollte Christoph Gröner längst Wohnungen bauen – doch es passiert nichts. Wieder lässt der Immobilieninvestor Fristen verstreichen, sein Firmengeflecht versinkt im Insolvenzchaos. Die Stadt gewährt weiter Zeit. Ob daraus noch Wohnraum wird, bleibt fraglich.
Von Florian Kaufmann
Einst sollten, so hatte es Christoph Gröner versprochen, die ersten der 1.000 geplanten Wohnungen auf dem Karlsruher C-Areal bereits Ende des kommenden Jahres fertiggestellt sein. Doch aktuell ist noch keinerlei Bautätigkeit zu sehen. Auf dem 17 Hektar großen ehemaligen Militärgelände herrscht weiter Stillstand. Wo sich die Natur noch nicht ihren Platz zurückerkämpft hat, regiert die Verwahrlosung. Und Gröner? Der Immobilieninvestor reagiert mit immer neuen Ankündigungen, die alleine in diesem Jahr schon zum zweiten Mal wieder Makulatur wurden. Zuletzt kündigte er einen Bauantrag bis Ende Juni an – wieder ist daraus nichts geworden, wieder hat er eine Frist verstreichen lassen.
Nach Jahren der Ankündigungen scheint im Karlsruher Rathaus, das bislang äußerst langmütig gegenüber dem Unternehmer war, die Stimmung zu kippen. Regelmäßig würde Gröner „auf die vertraglich vereinbarten Pflichten sowohl schriftlich als auch in persönlichen Gesprächen hingewiesen“, so die Stadtverwaltung auf Kontext-Anfrage. Auf einen Bauantrag warte man aber weiter vergeblich. Aufgrund der Verzögerungen könnte die Stadt seit Ende Dezember gegenüber Gröner Vertragsstrafen geltend machen. Laut Kontext vorliegenden Verträgen drohen Gröner Strafen von bis zehn Millionen Euro. Schon jetzt könnte die Stadt monatlich mehr als 20.000 Euro vom Investor einfordern. Stattdessen gewährte sie Gröner eine Fristverlängerung für den Bauantrag, die aber die Fertigstellung bis spätestens 2029 nicht hinauszögern solle. Ob Gröner in Karlsruhe aber wirklich noch baut? Der Ablauf sei zwar „konstruktiv“, doch in der Verwaltung wächst die Unsicherheit. Man lasse intern juristische Schritte prüfen, so die Stadtverwaltung auf Anfrage.
Heftige Vorwürfe ereilen Gröner derweil wegen der Insolvenz der Gröner Group, eines seiner vielen Unternehmen. Ende Mai wurde die Zahlungsunfähigkeit der einstigen Konzern-Mutter festgestellt und das offizielle Insolvenzverfahren eröffnet. Der Emerald Fonds hatte einen Antrag auf Insolvenz gestellt, um eine Forderung über 60 Millionen Euro einzutreiben. Mitte August will das Amtsgericht Leipzig über die Fortführung der Gesellschaft entscheiden. Einblicke ins Insolvenzverfahren legen nahe: Die Probleme begannen weit früher als offiziell eingeräumt. Das Wirtschaftsportal „Business Insider“ veröffentlichte Auszüge aus dem Gutachten des Insolvenzverwalters Philipp Hackländer. Demnach sei der Insolvenzantrag für die Gröner Group zu spät gestellt worden und die Gesellschaft „deutlich“ früher zahlungsunfähig gewesen. Bereits Ende 2024 ließ die Staatsanwaltschaft Leipzig Firmenräume des Gröner-Konzerns durchsuchen. Auch hier lautete der Verdacht unter anderem auf Insolvenzverschleppung zum Schaden der Gläubiger:innen.
Rufmord oder Restrukturierung?
In seinem Gutachten geht Hackländer aber noch weiter. Er wirft Gröner vor, „ein hochkomplexes Geflecht zum Verschieben hoher Vermögen und laufender Einnahmen und zum Verschleiern der zuvor vorhanden gewesenen Haftungsmasse geschaffen“ zu haben, zitiert „Business Insider“ aus dem Gutachten. Im Sommer 2024 waren im Zuge einer Umstrukturierung mehrere Immobilienprojekte an die neu geschaffene CG Group gegangen. Der Kaufpreis: 1 Euro. Zudem seien im Zuge der Umstrukturierung Forderungen in Höhe von 643 Millionen Euro aus der Bilanz der Gröner Group „verschwunden“. Verdächtig erschienen dem Insolvenzverwalter auch Zahlungen von über 30 Millionen Euro an das Family Office der Familie Gröner.
Der Unternehmer selbst weist alle Vorwürfe der Insolvenzverschleppung, Veruntreuung und Vermögensverschiebung zurück. Gegenüber Kontext spricht Gröner von einer „laufenden Hinrichtung“. Die vom Insolvenzverwalter initiierte Berichterstattung solle seine Existenz vernichten. Das Gutachten Hackländers enthalte schwere Fehler, so die Gröner Group in einer weiteren Stellungnahme. Der Insolvenzverwalter sei Ende vergangener Woche zur umgehenden Korrektur „mehrerer eindeutig unzutreffender Darstellungen“ aufgefordert worden. Die angeblich „verschwundenen“ 643 Millionen Euro? Laut Gröner eine rein bilanzielle Umsortierung. Auch das Family Office sei keineswegs bereichert worden – im Gegenteil: Es habe selbst Millionen an die Konzernmutter zurückgeführt. Was der Insolvenzverwalter als Verschleierung von Haftungsmasse wertet, sieht Gröner als rechtmäßige Umstrukturierung – mitsamt Gegenleistungen in Millionenhöhe. Der Verdacht früherer Zahlungsunfähigkeit sei unbelegt, Rechnungen nicht korrekt zugestellt worden, Verhandlungen mit Geldgebern hätten bis zuletzt stattgefunden.
Die Fronten sind klar, die Versionen gegensätzlich. Zwischen Insolvenzverschleppung und Rufmord stehen sich Anschuldigungen gegenüber – bei der Gläubigerversammlung der Gröner Group am 13. August könnte sich zeigen, welche Version weiter trägt.
Vorläufige Privatinsolvenz und politische Verstrickung
Während die Staatsanwaltschaft sich nicht zum Stand des Verfahrens äußern wollte, stellte der gleiche Insolvenzverwalter fest, dass im Zuge des Insolvenzverfahrens gegen Projektgesellschaften Gröners in Frankfurt und Leipzig nicht genug Vermögen gefunden werden konnte, um die Forderungen der Gläubiger zu bedienen. Auch das zweigeteilte Bauprojekt in der Mannheimer Dudenstraße befindet sich im Insolvenzverfahren, der zweite Teil in der vorläufigen Insolvenz. Diese Verfahren gegen unmittelbar mit ihr in Verbindung stehende Projektgesellschaften seien unmittelbare Folge der Insolvenz der Gröner Group, sagt Gröner. Er habe daraus gelernt. Wenn ein Großgläubiger noch einmal ungeduldig werde, würde er „aus eigenem Antrieb entsprechende Insolvenzanträge stellen“. Seit Montag hat Gröner tatsächlich sechs Insolvenzanträge für Objektgesellschaften in Karlsruhe gestellt. Die geplanten Büro- bzw. Hotelkomplexe in der Bannwaldallee, Fiduciastraße, Gablonzer Straße und Rheinstraße stocken seit Jahren und sind jetzt nach Auffassung Gröners zahlungsunfähig. Bislang konnte sich der eingesetzte Insolvenzverwalter noch keinen umfassenden Überblick über die Lage verschaffen.
Auch Gröner selbst darf seit Mitte März nicht mehr über sein Privatvermögen verfügen. Ein Gläubiger wollte mit dem Antrag auf Privatinsolvenz seine Forderung gegen eine Projektgesellschaft Gröners geltend machen. Gegenüber Kontext ging Gröner noch im April von einer baldigen Aufhebung des Verfahrens aus. Bislang hat sich auch dies nicht erfüllt. „Dieses zu Unrecht gegen mich eingeleitete Insolvenzverfahren, ist immer noch anhängig und wir bemühen uns es abzuwenden“, sagt Gröner jetzt.
Die Vorwürfe aus dem Gutachten des Insolvenzverwalters zielen auch auf zwei ehemalige politische Schwergewichte. Der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident und EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) war bis 2024 Aufsichtsratschef der Gröner Group. Ronald Pofalla (auch CDU), früherer Kanzleramtschef und DB-Infrastrukturvorstand, war Vorstandsmitglied. Der Insolvenzverwalter prüfe, ob beide für ungesicherte Darlehen im Umfang von über 200 Millionen Euro haften könnten.
Beide, Oettinger und Pofalla, äußerten sich bislang nicht öffentlich. Der Verdacht: Der Vorstand habe Kredite ohne ausreichende Sicherheiten durchgewinkt, der Aufsichtsrat dies durchgehen lassen. Haftpflichtversicherungen könnten nun in Anspruch genommen werden. Die Gröner Group bestreitet, dass es sich um pflichtwidrige oder unsicher besicherte Darlehen gehandelt habe. Noch immer sind die beiden Ex-Politiker in zwei Gesellschaften aktiv, die nach der Umstrukturierung der Gröner Group wuchsen. Pofalla ist Geschäftsführer der CG Group und Vorstand der CG RE AG, in der er von Oettinger als Aufsichtsratsvorsitzender kontrolliert wird.
Offene Kredite, offene Löhne?
Auf einer Online-Plattform machen seit einigen Wochen vermeintliche aktuelle und ehemalige Mitarbeiter der zentralen Gröner-Tochter CG Elementum ihrem Ärger Luft. Die Authentizität der Autor:innen und Beiträge lässt sich nicht überprüfen, doch die Ähnlichkeit der Kommentare fällt auf. Die Personalreferentin des Gröner-Unternehmens bedankt sich für das Feedback und bedauert die Erfahrungen der Schreibenden. Sie klagen über verspätete und ausbleibende Gehälter und wünschen sich eine ehrliche Kommunikation. „Seit Monaten werden einem falsche Hoffnungen über notwendige Arbeitsmittel gemacht, für nichts ist Geld da“, ist in einem Kommentar zu lesen, „Bitte nicht hingehen! Absolute Katastrophe. Keine Wertschätzung. Kein Gehalt. Viele Lügen und leere Versprechen“, wird in einem anderen gewarnt. „Melde Insolvenz an und lass die Leute bezahlen damit sie wieder ordentlich arbeiten können“, rät eine vermeintliche Führungskraft. Gröner selbst sagt dazu: „Die CG Elementum AG hat keinerlei Mitarbeiter. Insofern ist die Einschätzung vermutlich alt oder von ausgeschiedenen Mitarbeitern, die nachtreten.“
Folgen könnte die Insolvenz der Gröner-Gesellschaften auch für baden-württembergische Banken haben. Allein bei der Sparkasse Heidelberg, der Offenburger Volksbank – Die Gestalterbank und der VR-Bank Ludwigsburg laufen nach Informationen des Handelsblatts noch Kredite der insolventen Gröner Group in Höhe von fast 70 Millionen Euro. Auf Anfrage wollten sich weder die auf 52 Millionen Euro sitzende Sparkasse Heidelberg noch die anderen Banken genauer äußern. Nach Kontext-Informationen sichern zumindest teilweise Immobilien die Kredite ab und könnten durch die Banken in einer Versteigerung verwertet werden. Auch die Sparkasse Karlsruhe hat ihre Kredite an Gröner und seine Unternehmen mit Grundschulden abgesichert. Insgesamt lieh die Sparkasse auf diesem Weg mehr als 100 Millionen Euro an Gesellschaften aus dem Gröner-Firmengeflecht. Ein Großteil der beliehenen Objekte bilden die diese Woche von Gröner für zahlungsunfähig erklärten Gewerbeobjekte. Doch nicht nur Banken warten auf Rückzahlungen: Zu den Gläubigern der insolventen Gröner Group gehört nach Gröners Angaben auch der Karlsruher SC – ausgerechnet jener Verein, den der Unternehmer noch vor wenigen Jahren großzügig unterstützt hatte.
Der Stillstand auf den Gröner-Baustellen sorgt längst nicht mehr nur bei Geldgebern für Unruhe. Auch in der Kommunalpolitik wächst der Zweifel, ob Gröner auf dem C-Areal tatsächlich noch Wohnungen baut. Gröner selbst bekräftigt gegenüber Kontext erneut, in Kürze Bauanträge vorlegen zu wollen. Bereits sicher geglaubte Investor:innen seien kurzfristig abgesprungen. „Die Zusagen, die wir bisher in den Händen hielten, sind der Zollpolitik des Herrn Trump zum Opfer gefallen.“ Er habe aber bereits eine Alternative. „Wir sind gerade mit einem neuen Finanzierer dabei die Projektfinanzierung auf die Beine zu stellen.“
Ob diesmal mehr entsteht als eine weitere Ankündigung – das ist offen wie eh und je.
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