piwik no script img

„Wirsolltenüber Reparationen sprechen“

Die jüngere Schwarze Bewegung in Deutschland hat viel erreicht in Sachen Aufklärung über Rassismus und Kolonialismus, sagt Tahir Della von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland. Doch das rechte Rollback stelle vieles wieder in Frage

Wird „zum Glück“ immer seltener gefragt, wo er „eigentlich“ herkomme: Tahir Della

Interview Susanne Memarnia Foto Maria Sturm

taz: Herr Della, Ihr rollendes R und ihr Dialekt verrät Sie sogleich als Bayer. Werden Sie trotzdem oft gefragt, woher Sie „eigentlich“ kommen?

Tahir Della:Zum Glück immer seltener, das war in meiner Jugend und jungen Erwachsenenzeit wesentlich mehr. Es ist inzwischen in der breiten Öffentlichkeit weitgehend angekommen, dass es Schwarze Menschen in Deutschland gibt und dass sie seit dem siebzehnten Jahrhundert Teil der deutschen Geschichte sind. Auch meine Söhne sagen, sie werden das kaum mehr gefragt.

taz: Finden Sie die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ an Nicht-Weiße gerichtet rassistisch oder einfach ungeschickt?

Della:Na ja, das ist immer eine Frage des Kontextes. Wenn ein Schwarzer Mensch sagt, ich komme aus Bayern, Hessen, Köln, Frankfurt oder Hamburg, und man dann nachfragt, „aber woher wirklich?“, stellt das die Tatsache, dass sie nicht zugewandert sind, in Frage. Von daher würde ich sagen: Ja, die Frage hat eine rassistische Komponente, weil dahinter die Vorstellung steckt, dass Deutschland eine Gesellschaft ist, die sich nur aus Weißen zusammensetzt. Und ja, es ist auch ungeschickt. Wenn ich sage, ich komme aus Bayern und Leute immer noch nachfragen, könnten sie sich das auch sparen.

taz: Wie sind Sie aufgewachsen, sind Sie ein Bürger- oder ein Arbeiterkind?

Della:Hmm (überlegt kurz).Meine Mutter war Werktätige – oder Arbeiterin – in München unter anderem bei Agfa, der Filmfirma. Das war eher kein bürgerlicher Rahmen, in dem ich aufgewachsen bin.

taz: Das war sicher nicht leicht für Ihre Mutter, in den 60er Jahren mit einem Schwarzen Kind?

Della:Sie hat in der Tat eine Menge aushalten müssen. Wir haben, als ich klein war, zwei oder drei Jahre in einem Wohnheim gewohnt für alleinerziehende Frauen. Das hatte zur Folge, dass meine Mutter sehr schnell im Fokus von Ämtern und Behörden war, die ihr vermittelten: Kriegst du das denn gebacken? Das Wirtschaftliche war eine Komponente. Aber mit einem Schwarzen Kind musste sie zusätzlich mit sehr viel Anfeindungen leben. Alltäglich.

taz: Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen!

Della:Ja, es gab damals viel Druck auf alleinstehende Frauen, die Schwarze Kinder hatten, zum Beispiel, dass sie ihr Kind zur Adoption freigeben. In den 50er Jahren wurde sogar noch behauptet, diese Schwarzen Kinder – damals hat man sie anders benannt – hätten hier sozusagen aufgrund von „klimatischen Bedingungen“ Schwierigkeiten aufzuwachsen. Es gab dazu Debatten im Bundestag!

taz: Wie haben Sie das erlebt?

Della:An diese Anfänge kann ich mich nicht erinnern. Aber spätestens mit dem Schulalter wurde deutlich, dass es eine Herausforderung wird für mich und meine Mutter. Man war das einzige Schwarze Kind in der Schulklasse zum Beispiel. Und stand entsprechend im Fokus: Hält er sich an die Regeln? Gibt es Konflikte? Meine Mutter wurde regelmäßig in die Schule zitiert und musste sich erklären. Kriegt sie das hin mit der Hausaufgabenbetreuung? Sie war ja arbeiten, ich war meistens nach der Schule alleine zu Hause, wenn es keinen Hort gab. Diese Tatsache, dass ich als „Herausforderung“ wahrgenommen wurde in meinem Umfeld, hat von mir eine Antwort erfordert: Warum werde ich immer wieder rausgepickt, wenn es um Konflikte geht oder Probleme gibt?

taz: Fing so Ihre Politisierung an?

Della:Es gibt zwei Momente, die dabei wichtig waren. Zum einen habe ich mit 16, 17 Jahren angefangen, mich politisch zu interessieren, was es für politische Kampagnen und Aktivitäten gab. Ende der 70er Jahre hat die Anti-Apartheid-Bewegung beispielsweise eine Rolle gespielt, ebenso die gegen Atomkraft. Wichtiger war aber für mich rückblickend, dass mein Großvater mich angespornt hat, politische Arbeit hier in Deutschland im Zusammenhang mit Anti-Schwarzem Rassismus zu organisieren oder mich zu beteiligen. So kam ich 1986 zur kurz zuvor gegründeten Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland.

taz: Ihr Großvater väterlicherseits?

Della:Ja, er kam aus Louisiana, also aus den Südstaaten, und war in den 40er Jahren mit meiner Großmutter nach Washington und später nach New York gezogen. In den Sommerferien, wenn ich sie besuchte, nahm er mich oft mit auf alle möglichen Veranstaltungen. Und hier war es weniger das, was die Menschen dort taten und sagten, das mir ein Gefühl von Zugehörigkeit gab, sondern die Erfahrung, mit anderen Schwarzen Jugendlichen völlig andere Erfahrungen machen zu können als in Deutschland – denn ich war wie sie. Für meine politische Arbeit war das ein wichtiger Impuls. Vorher bei anderen politischen Aktivitäten wie der Anti-AKW-Bewegung hatte immer diese Komponente gefehlt: Was hat das mit mir als Schwarzer Mensch zu tun?

taz: Wie meinen Sie das?

Della:Die Erfahrung, als Schwarzer Mensch in Deutschland zu leben und politisch interessiert zu sein, wurde kaum adressiert in den Bewegungen der 70er Jahre. Rassismuserfahrungen in Deutschland kamen nicht vor. Das hat sich erst später entwickelt mit der jüngeren Schwarzen Bewegung.

taz: Was ist mit Ihrem Vater: Spielte er keine Rolle?

Della:Doch schon. Meine Eltern haben sich getrennt, da war ich 2 oder 3 Jahre alt. Nach einer Weile ging mein Vater zurück in die USA, wo ich ihn gesehen habe, wenn ich zu Besuch war. Aber der Austausch mit meinem Großvater war sehr viel intensiver und prägender.

taz: Wie erfuhren Sie damals von der ISD, als sie neu war?

Della:Ich bin darauf aufmerksam geworden mit Erscheinen des Buchs „Farbe bekennen“. Das wurde mir von meiner Mutter förmlich hinterhergetragen, ich solle es unbedingt lesen, da schrieben „Leute wie du“. Was mir zu diesen Zeitpunkt etwas befremdlich vorkam. Irgendwann las ich es aber. Das Buch setzt sich zusammen aus biografischen Erzählungen der Herausgeberinnen Katharina Oguntoye und May Ayim sowie weiterer afro-deutscher Frauen, und einem Teil über den deutschen Kolonialismus. Die sehr persönlichen Erzählungen der Frauen kamen mir sehr bekannt vor, das war quasi meine Geschichte, aber der Teil, der sich mit dem deutschen Kolonialismus beschäftigte und dem Zusammenhang von Rassismus und Kolonialismus, war für mich völlig neu! Dieses Buch gab vielen Schwarzen Menschen in Deutschland den Anstoß, sich zu vernetzen. So ging’s los mit der ISD, ich habe bei der Münchener Gruppe angefangen, die bereits bestand.

taz: Wie würden Sie Ihre Arbeit beschreiben?

Della:Wir haben mit der ISD in den letzten 40 Jahren Dinge sichtbar gemacht, die von vielen nicht wahrgenommen wurden und werden. Dass es Anti-Schwarzen Rassismus hierzulande gibt, ist zum Beispiel durch unsere Arbeit angekommen in der Gesellschaft. Wie wirksam wir inzwischen sind, zeigen auch Kampagnen wie die gegen rassistische Polizeikontrollen, an denen ich für die ISD beteiligt war und die dazu geführt haben, dass die Anliegen der Schwarzen Community ernst genommen werden. Zudem bin seit Jahren dabei, mit inzwischen ganz vielen Ak­teu­r*in­nen die koloniale Geschichte Deutschlands zu bearbeiten.

taz: Können Sie von Ihrer Arbeit leben?

Della:Erst seit relativ kurzer Zeit. Seit 2016 engagiere ich mich im Rahmen des Eine-Welt-Promotorenprogramms von Bund und Ländern in einer bezahlten Rolle bei der ISD. Die Stelle befasst sich mit Dekolonisierung in Berlin und Antirassismus. Als Promotor unterstütze ich Organisationen, Schulen, Vereine, Museen und Bildungsträger, die diese Themen politisch voranbringen wollen.

taz: Warum ist das Thema Kolonialismus so wichtig für Sie – und wie hängt das mit Rassismus zusammen?

Della:Ich muss zugeben, ich hatte anfänglich sehr wenig Fantasie, was es bedeutet, die koloniale Geschichte aufzuarbeiten, weil es für mich ein historisches und zeitlich eingegrenztes Thema war. Inzwischen ist es aber so, dass wir die Bearbeitung des Kolonialismus als Querschnittsthema betrachten, das unsere gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse ganz stark mit prägt. Denken wir an den öffentlichen Raum mit seinen Straßennamen, die koloniale Verbrecher ehren – in Berlin inzwischen ein paar weniger. Denken wir an die menschlichen Gebeine, die im Rahmen von rassistischer Forschung nach Deutschland kamen, auch aus deutschen Kolonien, und zu Tausenden immer noch in Depots lagern. Oder an das kulturelle Raubgut aus den Kolonien, das in den Museen ausgestellt wird. Oder die Themen Migration und Flucht und die globale Klimaveränderung.

taz: Was ist damit?

Della: Europa würde die Herausforderungen der Migration gerne ins Ausland verfrachten mittels Abschottung und Lagern im Globalen Süden und mit möglichst umfangreicher Abschiebung. Dabei wird vergessen oder ignoriert, dass der Globale Norden immer noch ganz maßgeblich daran beteiligt ist, die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten im Globalen Süden aufrechtzuerhalten. Und damit für Migration und Flucht­bewegungen mit verantwortlich ist.

taz: Viele Menschen hier würden bestreiten, dass Migration heute etwas mit Kolonialismus zu tun hat. Wie kann man sie überzeugen?

Della:Man muss doch nur auf die globalen gesellschaftlichen Verhältnisse schauen: Wer ist denn momentan in der Lage, sich selbstbestimmt und aktiv an der Gestaltung seiner Gesellschaft zu beteiligen? Die Menschen in den ehemals kolonisierten Kontinenten oder Ländern offenkundig nicht. Denn die kolonialen Verhältnisse sind in gewisser Weise nie beendet worden. Formal wurden die Länder natürlich unabhängig, aber die Kolonialmächte haben immer noch starken Einfluss, vor allem wirtschaftlichen. Und afrikanische Politiker*innen, die das ändern wollten, wie Thomas Sankara in Burkina Faso, wurden mithilfe westlicher Geheimdienste ermordet. Die kolonialen Kontinuitäten sind sichtbar und sie sind präsent.

Tahir Della

Der Mensch

Geboren 1962 in München, wurde Tahir Della nach der Trennung der Eltern von seiner Mutter allein großgezogen. Er besuchte regel­mäßig die Familie des Vaters in den USA, vor allem der Großvater gab Impulse für seine Politisierung. Nach dem Abitur machte Della Zivildienst und lernte zwei Lehrberufe: Gärtner und Bäcker. Bis er 2012 nach Berlin zog, arbeitete er als Assistent eines Fotografen und brachte sich so auch dieses Handwerk bei.

Das Engagement

Etwa ein Jahr nach Gründung der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) 1985 stieß Della zur Münchner Ortsgruppe. Seither ist die ISD seine politische Heimat. Mit der Gründung des bundesweiten Dachverbands 2001 engagierte er sich dort ehrenamtlich als Sprecher und Vorstandsmitglied. Seit 2016 hat er eine bezahlte Stelle bei der ISD als Promotor für Dekolonisierung und Antirassismus in Berlin im Rahmen des von Bund und Ländern finanzierten Eine-Welt-Promotorenprogramms. In dieser Funktion unterstützt er Schulen, Vereine und andere Bildungsträger, die zu den Themen arbeiten wollen.

Die Initiative

Die Initiative Schwarzer Menschen wurde 1985 ins Leben gerufen und ist eine der ältesten Selbstorganisationen von und für Schwarze Menschen in Deutschland. Sie setzt sich für die Rechte und die politische Partizipation Schwarzer Menschen ein und tritt für eine umfassende Aufarbeitung der deutschen bzw. europäischen Kolonialgeschichte ein. Gründungsimpuls war das Buch „Farbe bekennen“, mit dem die jüngere Schwarze Bewegung in Deutschland ins Leben gerufen wurde. Den Begriff prägte die ISD, um zu verdeutlichen, dass sich auch davor, etwa in der Weimarer Zeit, Schwarze Menschen in Deutschland zusammengetan hatten, um für ihre Rechte einzutreten.

taz: Welche Schlussfolgerung ziehen Sie daraus?

Della: Wir sollten über Reparationen sprechen statt über Entwicklungszusammenarbeit und Schuldenerlass! Europa ist bisher aber leider nicht imstande oder willens, endlich für seine Geschichte Verantwortung zu übernehmen. Es gibt bis heute kein einziges europäisches Land, das sich bekannt hat zu den Verbrechen und Schäden, die es angerichtet hat in den Kolonien, oder zu der Ausbeutung, die bis heute stattfindet. Das alles kann man natürlich nicht mit Geld aufwiegen. Aber es würde eine andere Art der Debatte ermöglichen, wenn wir die Verantwortlichkeiten benennen und auch darüber sprechen, wer in der Bringschuld ist gegenüber den ehemaligen kolonialisierten Ländern.

taz: Kommen wir zu etwas kleinerer Postkolonialpolitik. Das Humboldt Forum in Berlin arbeitet – wie andere ethnologische Museen – seine Sammlungsgeschichten auf, manchmal wird auch etwas zurückgegeben, das in sogenannten kolonialen Unrechtskontexten „erworben“ wurde. Das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen, oder?

Della:Ja, da ist einiges passiert, vor allem aufgrund des großen zivilgesellschaftlichen Engagements vieler NGOs in den letzten Jahrzehnten. Das Humboldt Forum ist bemüht, würde ich es mal freundlich formulieren, sich mit der Kritik ­auseinanderzusetzen. Aber ich glaube, es hat immer noch nicht begriffen, dass schon mit dem Gebäude an sich – dem wieder aufgebauten Stadtschloss – etwas nicht stimmt. Sie machen dort teilweise gute ­Ausstellungen, aber sie haben nicht verstanden, dass Dekolonisierung auch einhergeht mit dem Rückbau oder einer kritischen Debatte von Orten, die problematisch sind.

taz: Also sollte man das Schloss wieder abreißen, wie manche meinen?

Della: Das haben Sie gesagt (lacht). Aber ich halte die Forderung, darüber nachzudenken, ob es dieses Schloss wirklich gebraucht hätte, immer noch für sinnvoll, wenngleich die postkolonialen Gruppen sich entschlossen haben, sich nicht mehr an Stadtschloss und Humboldt Forum abzuarbeiten. Jedenfalls empfinde ich diese ganze preußische Inszenierung in Berlins Mitte rings um das Schloss als eine extrem problematische Renaissance und Rehabilitierung dieses preußischen Selbstbildnisses. Zumal die einhergeht mit einer Auslöschung von Geschichte, der DDR beispielsweise, von der ja bis auf das Ampelmännchen und dem Sekt kaum was übrig geblieben ist im öffentlichen Raum oder in der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Ich sage das auch deshalb, weil uns oft vorgeworfen wird, dass wir mit unseren Straßenumbenennungen Geschichte unsichtbar machen würden.

taz: Ihre Initiative und auch andere fordern, in Berlin einen zentralen Gedenk- und Erinnerungsort Kolonialismus zu schaffen. Wie könnte der aussehen?

Della:Erst mal ist wichtig: Wir wollen nicht nur ein Denkmal, also einen Ort, wo man einmal im Jahr hingeht und einen Kranz hinlegt. Wir wollen das Gedenken an einem zentralen Ort in Berlin verbinden mit Lernen und Vermitteln – und zwar als Bestandteil eines gesamtstädtischen Erinnerungskonzepts Kolonialismus. Der vorige Berliner Senat und die vorige Bundesregierung hatten auch beschlossen, sich mit der Schaffung so eines Ortes zumindest zu befassen. Von der neuen Bundesregierung ist diesbezüglich nichts ­entschieden worden. Das ist frustrierend.

taz: Woher kommt diese neue Zurückhaltung?

Della: Ein Argument ist, es sei schwierig, hier einen Gedenkort zu schaffen, weil die kolonialen Verbrechen Deutschlands nicht hier stattgefunden haben. Anders als beim Nationalsozialismus und dem SED-Unrecht existierten daher keine zentralen, staatlich geförderten Orte, die den deutschen Kolonialismus und seine Folgen flächendeckend aufarbeiten. Deswegen ist im neuen Gedenkstättenkonzept des Bundes, das im November 2025 beschlossen wurde, der Kolonialismus als dritte Säule neben dem Gedenken an NS- und SED-Unrecht auch wieder rausgeflogen. Die Vorgängerin von Kulturstaatssekretär Wolfram Weimar, Claudia Roth, hatte Kolonialismus erstmals mit aufnehmen wollen, aber dann kam das Ampel-Aus dazwischen.

Warum werde ich immer wieder rausgepickt, wenn es um Konflikte geht

taz: Aber kann man wirklich das Gedenken an Kolonialismus und Nationalsozialismus auf eine Stufe stellen?

Della:Die verbindende Klammer ist: Das waren Staatsverbrechen, staatlich organisierte und angeordnete Verbrechen. Der Völkermord in Namibia an den Ovaherero und Nama ist ein klassisches Beispiel. Aber schon die Entscheidung Deutschlands, sich überhaupt am kolonialen Projekt zu beteiligen, hat in der Folge Staatsverbrechen mit sich gebracht. In dieser Hinsicht sind NS und Kolonialismus beides Unrechtssysteme, wenngleich es natürlich auch Unterschiede gibt.

taz: Der Bundestagsabgeordnete David Schlesinger von der Linken hat gesagt: „Wer die Kolonialgeschichte aus dem Gedenkstättenkonzept ausblendet, hat keine Ahnung von der deutschen Gegenwartsgesellschaft oder will wie die AfD zurück zu einer völkischen Realität.“ Würden Sie zustimmen?

Della:Ja. Wir erleben gerade tatsächlich eine Art Rollback. Auf Berliner Landesebene wurde unter dem rot-rot-grünen Vorgängersenat vieles möglich, es wurde von der Zivilgesellschaft ein dekoloniales Erinnerungskonzept erarbeitet, es wurden Projekte wie die Dekoloniale geschaffen und vieles mehr. Die neue Regierung sowohl in Berlin wie im Bund kann mit dem Thema offensichtlich nichts mehr anfangen. Und ich vermute, dass das ein Stück weit eine Reaktion auf das Erstarken der politischen Rechten ist. Man hat Angst, rechte Wählerschichten zu vergrätzen, denen das alles zu „woke“ ist.

taz: Macht Ihnen das Angst, dass die AfD so auf dem Vormarsch zu sein scheint?

Della:Es ist wirklich erschreckend, was inzwischen möglich ist an völkischen, rassistischen Verlautbarungen von dieser Partei. Erschreckend auch, wie die Parteien der demokratischen Mitte, wie sie sich selbst beschreiben, sich zum Teil der Thesen aus der rechten Ecke bedienen – auch wenn sie anders formulieren. Wenn sie zum Beispiel glauben, man könne die Probleme im Bereich Migration durch Abschiebung lösen. Aber Menschen lassen sich nicht durch Zäune und Mauern und im Mittelmeer aufhalten, ihr Glück zu suchen. Wir müssen die Ursachen bekämpfen! Das findet nicht statt, weil man sich auch bei den Parteien der so genannten Mitte nicht verantwortlich sieht für die globalen Zustände.

taz: Was bräuchte es?

Della:Es fehlt eine Utopie oder Fantasie, wo wir hinwollen. In welcher Art von Gesellschaft wollen wir tatsächlich leben? In einer, die alle Menschen mitdenkt, nicht nur diejenigen, denen es ohnehin gut geht und die Zugang haben zu allen möglichen Ressourcen, sondern auch die, die das nicht haben. Und deshalb hierher kommen und sagen: Wir wollen was abhaben vom Kuchen. Ich finde das nachvollziehbar.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen