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Seit einem Jahr steht zwischen mir und meiner Frau eine grüne Eule. Wenn Mitternacht naht, heißt es häufig: „Fast vergessen! Ich muss noch schnell diese Lektion fertigmachen!“ Mit der grünen Eule von Duolingo lernt meine Liebste Spanisch. Nichts wäre schlimmer, als den „Streak“ zu verpassen, wenn sie mal einen Tag nicht auf die Fragen von Lilly, Junior oder Eddy geantwortet hat. Oder einen virtuellen Diamanten für braves Lernen zu versäumen. Die Anspannung lässt erst nach, wenn aus dem Handy die Fanfare „Dä-dää!“ den Abschluss der Lektion verkündet.
Nichts gegen die lautlosen Schleichjäger. Es hat bestimmt einen Grund, dass die Eule für Weisheit steht. Und meine Frau macht wirklich Fortschritte beim Spanisch. Sie kann inzwischen sogar fragen, ob es nicht nur einen gelben, sondern auch einen roten Rock gibt. Manche Sucht hat ihre guten Seiten.
Faszinierend ist aber: Wie es Mitmach-Apps auf dem Handy schaffen, uns mit einfachen Tricks zu fesseln: Da wird gelobt, belohnt, erpresst und unter Zeitdruck gesetzt, wie man es sich bei den eigenen Kindern nie getraut hat. Niedliche Tierchen mit Kulleraugen zwingen uns per Liebesentzug zum Weitermachen, dazu lustige Filmchen mit eingängigen Melodien.
Vernünftige Menschen werden zu Sklaven und lassen sich von Fitness-Apps rumkommandieren. Früher sind wir von zuhause ausgezogen, weil unsere Mütter uns zum Aufstehen und Spanischlernen nötigten. Heute laden wir uns dafür „freiwillig“ eine kostenpflichtige App runter.
Echtes Leben im Netz
Das ist natürlich der Untergang des Abendlandes, aber eigentlich auch eine Chance: Könnten wir durch Chatten nicht auch mal die Welt retten? Mit einer professionell manipulativen App die Menschen nach Klimaschutz, Artenvielfalt, Müllbekämpfung, Energiesparen, Zu-Fuß-Gehen und Lebensmittel-Retten süchtig machen?
Dann könnten die Avatare Carbony und Dioxy uns drängen, die Heizung runterzudrehen oder zum Einkaufen zu Fuß zu gehen, um virtuell einen kleinen Baum wachsen zu lassen. Den Urlaubsflug in eine Bahnreise verwandeln und die vegane Currywurst nehmen, brächte uns lachende Sonnensmileys und virtuelles Schulterklopfen. Aber auch das Schuld-Klopfen dürfte nicht fehlen: Der Frustkauf von Fast Fashion und die Kreuzfahrt vor Sansibar würden unseren Score dann aber aus der Himmels-Liga in die Fossilhölle bringen: Entsetzte Gesichter voller Klimascham am Bildschirm!
Aber Ökostrom, bitte!
Vielleicht müsste unsere App „WorldSaver“ auch im wahren Leben gar nicht wirksam werden. Es könnte ja auch reichen, die Menschen an den mobilen Endgeräten zu halten – solange diese mit Ökostrom betrieben werden. Wer mit Carbony und Dioxy daddelt, fährt nicht Auto, grillt kein Fleisch und schafft nicht den Emissionshandel ab. Wenn irgendwann die Kreuzfahrt virtuell zu genießen ist und das Testosteron beim Sound eines Formel-1-Boliden auch über Datenbrille und Kopfhörer ausgeschüttet wird, können wir die Welt da draußen vielleicht endlich in Ruhe lassen. Die Natur wird es uns danken, der Ausstoß von Treibhausgasen sinken, der Wald sich erholen und die Wölfe, Bären und Elche werden Deutschland wieder besiedeln, ohne dass wir es merken. Dann kommt mir auch die Duolingo-Eule nicht mehr spanisch vor.
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