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Wildgewordene Männerbewegung

■ betr.: Anzeige „Mythos Männer macht“ vom Zweitausendeins- Verlag, taz vom 12. 5. 95

Das Buch von Warren Farrell, dem Ihr in der taz so großzügig fast eine halbe Seite Werbung auf Seite 5 eingeräumt habt, ist weder „originell“, noch wird es „Fairneß und Ausgleich“ schaffen. Vielmehr reiht es sich ein in eine antifeministische Kampagne, die auch von der taz nicht zuletzt durch solche Anzeigen getragen wird.

Der ehemals als Feminist gefeierte W. F. hat in den letzten Jahren seinen „Irrtum“ erkannt und bläst nun gemeinsam mit allen „echten“ Männern à la John Bellicchi, der kürzlich erst durch Deutschland tourte, zum Sturm gegen den sogenannten „Anti-Männer-Sexismus“. Der „Neue Mann“, den diese wildgewordene Männerbewegung propagiert, ist so neu wie das Partriarchat selbst.

Die Tatsache, daß Männer eine niedrigere durchschnittliche Lebenserwartung haben als Frauen, dient als Beweis dafür, daß Männer und nicht Frauen die Unterdrückten dieser Gesellschaft seien. Und wer, wenn nicht die Frauen, sollte sie unterdrücken? – suggerieren Buch und Anzeige. Angesichts der augenblicklichen Verdrängung von Frauen aus der Arbeitswelt, „Lebensschutz“-Kampagnen, Massenvergewaltigungen in Bürgerkriegen, Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen im Alltag, angesichts einer männerdominierten Gesellschaft wie der unsrigen, von Staat und Wirtschaft bis in linke Politgruppen, sind solche Verdrehungen an Zynismus nicht zu überbieten.

Das einzige, was W. F. zeigt, ist nicht, daß der Feminismus „untergegangen sei in einem Anti-Männer-Sexismus“, sondern daß ein Teil der Männerbewegung der Notwendigkeit, sich selbst zu ändern, dadurch zu entgehen versucht, daß mann sich selbstgefällig in der Opferrolle wälzt. Wenn es nach Farrell ginge, sollten sich Männer nicht gegen schlechte Arbeitsbedingungen und ihre zumeist männlichen Chefs, das heißt auch patriarchale Strukturen zur Wehr setzen, sondern das Bild von der Frau als Bedrohung und gleichzeitiger psychosozialer Betreuerin des Mannes restaurieren. Daß die taz sich für so eine Scheiße nicht zu schade ist, macht mich und sicherlich auch viele andere AbonnentInnen ziemlich wütend. Christian Mader, Göttingen

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