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„Wie kommen wir nach drüben?“

Bei Nebel über dem Bosporus brechen Fähr-, Bus und Taxiverkehr zusammen  ■  Aus Istanbul Ömer Erzeren

Ergün fällt ein Stein vom Herzen, als er mich in der Imbißstube in Eminönü sieht. Im Angesicht der Katastrophe schaut er mich mit verzweifelten Augen an und erwartet Rettung in der Not: „Wie kommen wir nach drüben?“ Erstmalig in seinem Leben macht er Bekanntschaft mit dem Istanbuler Abendnebel - Sichtweite fünf Meter.

Ergün ist kein ungeschickter, hilfloser Mensch. Er ist erwachsen, 45 Jahre alt, arbeitet als Redakteur in einer türkischen Tageszeitung und hat so manche Krisengebiete bereist. Doch ist er mit dem Makel behaftet, in der Hauptstadt Ankara zu wohnen. Dort leben merkwürdige Geschöpfe, die es für selbstverständlich halten, daß man sich ohne Probleme in der Stadt fortbewegen kann: Diese Spießer steigen ins Auto, ins Taxi oder in den Bus und fahren den Zielort an, als ob es eine Selbstverständlichkeit wäre. Sie sind unfähig, natürliche Begebenheiten wie Nebel, Regen, Winde, Meeresströmungen in ein Gesamtkonzept für die Fortbewegung zu integrieren - wir Istanbuler lernen das von der Pike auf.

Ergün war wie gewohnt vom Istanbuler Büro der Zeitung zur Fähranlegestelle an der Galata-Brücke gegangen, um mit der Fähre über den Bosporus auf die asiatische Seite überzusetzen (er wohnte mehrere Wochen bei mir). „Ich löste einen Jeton an der Fähranlegestelle und wartete auf die Fähre. Es kam mir schon sonderbar vor, daß ich allein dastand. Sonst warteten immer Hunderte von Menschen an der Anlegestelle.“ Naiv, wie die Ankaraer nun mal sind, hatte er auf eine Ansage vom Lautsprecher oder auf eine Amtsperson, die ihm sagt, daß die Fähren nicht fahren, gewartet. Das diensthabende Personal der Anlegestelle spielte Karten (man kann schließlich nicht erwarten, daß das Personal Millionen Istanbulern sagt, daß der Fährbetrieb eingestellt ist). Nach einer Weile erbarmte sich ein Istanbuler Straßenverkäufer seiner. „Bruder, bist du bekloppt. Es ist Nebel. Die Fähren fahren nicht.“

Ergün mischte sich unter die Menschenmassen in Eminönü und versuchte, sich ein Taxi herbeizuwinken. „Ich dachte mir, wenn der Fährbetrieb eingestellt ist, nehme ich ein Taxi, um über die Bosporusbrücke nach drüben zu fahren.“ (Dabei weiß jedes Istanbuler Kind, daß der Verkehr auf der Bosporusbrücke zusammenbricht, wenn die Fähren nicht fahren.) Laut Aussage von Ergün war der erste Taxifahrer, der hielt, ein netter Mensch. „Ich habe Familie, Frau und Kinder“, antwortete der Taxifahrer und fuhr weiter. Die meisten Taxis fuhren einfach weiter, als er (wahrscheinlich zitternd) das Wort „drüben“ aussprach. Einer wurde rabiat: „Du verdienst Prügel, du Sohn eines Esels“, soll der Taxifahrer ihm gesagt haben (kann ich gut verstehen).

Ergün stieg also in einen städtischen Linienbus, der laut Plan von Europa über die Bosporusbrücke in die asiatischen Stadtteile fährt. „Eine Stunde war ich in dem Bus, der in dieser Zeit rund 2.000 Meter vorwärts gekommen ist. Wir waren eingepfercht. Man hat in dem überfüllten Bus kaum Luft gekriegt. Die anderen Fahrgäste hat das überhaupt nicht beeindruckt. Ich war der einzige, der nervös war.“ Ergün stieg aus dem Bus aus. „Ich wollte zurück in die Zeitungsredaktion, um Leute zu fragen, was ich tun soll, beziehungsweise um einen Sessel zu suchen, wo ich die Nacht verbringen kann.“ Dann hat er mich in der Imbißstube in Eminönü getroffen - erleichtert wie ein verlorengegangenes Kind, das seine Eltern wiederfindet. „Wie kommen wir nach drüben?“

Ich nehme ihn an der Hand, führe ihn zum „tünel“. Tünel, das einzige Verkehrsmittel Istanbuls, das witterungsunabhängig funktioniert - eine der ältesten U -Bahnen der Welt: 1875 erbaut, zwei Stationen, 614 Meter lang. In drei Minuten waren wir in Beyoglu - dort wo die Meyhane (Restaurants, d.Red.) sind: In Muße haben wir dort getrunken und gegessen (er nahm freundlichere Gesichtszüge an). Um Mitternacht hat sich der freie Wettbewerb auf den Nebel eingestellt. „Eins, zwei, drei, in zehn Minuten sind wir drüben“, ruft der „Kapitän“ des kleinen Motorbootes in Besiktas. Bei Nacht und Nebel gleiten wir mit anderen (leicht angetrunkenen) Fahrgästen über die Meerenge heimwärts.

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