: Wie die Moral in die Welt kam
Vom distanzierten Blick zum Gebot: Henning Trüper wirft einen ideengeschichtlichen Blick auf die Entwicklung der Seenotrettung
Von Gerrit ter Horst
Bevor Gesellschaften eine institutionalisierte Form der Seenotrettung schufen, war das Meer eine Angelegenheit derer, die sich dort hinauswagten. Wie der Philosoph Hans Blumenberg 1979 in „Schiffbruch mit Zuschauer“ schrieb, war der Blick vom Land aufs tosende Meer lange Zeit einer der Distanznahme; man konnte zum Leid Abstand nehmen. Diese Distanz nahm erst in der Neuzeit langsam ab. Diesen Prozess beschreibt Henning Trüper in seinem Buch „Rettung aus Seenot – Geschichte eines moralischen Gebots“. Eine organisierte Rettung von Menschenleben auf hoher See war den europäischen Gesellschaften bis ins 18. Jahrhundert fremd. Kam man in Seenot, stand das Festland bereit, die verlorenen Waren zu plündern. Wie also entdeckte die Menschheit die Hilfsbereitschaft?
Indem es zu einem „humanitären Bruch“ kommt, wie Trüper, Professor für Ideengeschichte an der Universität Oslo, das nennt: die gezielte Erschütterung des Selbst, eine humanitäre Anstrengung, alte Gewohnheiten über Bord zu werfen. Sein Buch ist daher nur indirekt eine Geschichte der Seenotrettung, vielmehr ist es eine davon, wie die Moral in die Welt kam.
Diese Arbeit an der Moral nimmt mit der Aufklärung Fahrt auf. Dabei halfen verschiedene Entwicklungen, wie die Säkularisierung von Hilfsbereitschaft, also die Abkehr vom religiös geprägten Caritas-Prinzip, das Hilfe mit Hoffnung auf jenseitige Belohnung gegenrechnet. Gleichzeitig fängt der Staat an, ein biopolitisches Interesse am Leben seiner Bürger zu entdecken, das nicht mehr verschwendet werden soll. An den Küsten Europas gründeten sich um die Epochenwende zum 19. Jahrhundert überall Gesellschaften zur Seenotrettung. Zunächst waren dies lokale Vereine, die mit dem Erstarken der Nationalstaaten zentralisiert wurden. Grundbedingung für deren Bildung war zunächst einmal die moralische Einsicht, dass Menschenleben rettungswürdig ist, auch auf Kosten des eigenen. An Figuren wie William Hillary, dem Begründer der britischen „Royal National Lifeboat Institution“, skizziert Trüper, wie organisatorisch und technisch eine Infrastruktur der Rettung entwickelt wird, aber auch wie über die Schaffung von Ehrenmedaillen innerhalb der moralischen Ökonomie über Wert und Entlohnung von Rettung diskutiert wurde.
Mit dem technischem Fortschritt, vor allem der Verbreitung von Funksystemen, erscheint das Meer immer beherrschbarer, während es parallel zum verrechtlichten Raum wird. Die Brüsseler Konvention von 1910 schafft eine allgemeine seevölkerrechtliche Rettungspflicht, sodass dem moralischen Gebot ein juristisches zur Seite gestellt wird. In der Gegenwart koexistieren Vereine freiwilliger Seenotretter mit polizeilichen Einheiten wie den Küstenwachen, die in Zeiten großer Migrationsbewegungen mit einer Form ständiger Seenot konfrontiert sind.
Henning Trüper: „Rettung aus Seenot. Zur Geschichte eines moralischen Gebots“. Wallstein Verlag, Göttingen 2026, 440 Seiten,40 Euro
Trüper ist seinem akademischen Umfeld insofern treu, als sein Text immer wieder umständlich gerät. Auch mancher Exkurs in die Numismatik mag Leser verlieren. Was sein Buch aber schafft, ist deutlich zu machen, dass die Moral zur Rettung von Menschenleben nicht einfach in der Welt war, sondern erarbeitet werden musste. Dies bleibt eine Aufgabe, die mit der ökologischen Krise noch drängender wird. Und komplizierter, weil Seenotrettung längst Teil von Geopolitik geworden ist. Trüper formuliert dafür einen Auftrag: „Moralität ist die gesellschaftlich verfügbarste Form von Normativität. Doch selbst diese Verfügbarkeit benötigt und fordert die gesellschaftliche Arbeit an ihrer Erhaltung, wenn man so will: eine Moralität der Moralität.“
Heute steht die Seenotrettung wieder vor einem großen Bruch. Es gibt bedeutende politische Kräfte, die sie kriminalisieren wollen und den Blick aufs Meer wieder distanzieren möchten. So wie die Moral in die Welt gekommen ist, so kann sie sie auch wieder verlassen.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen