Wettbewerbgewinnerin aus Schweden: Filme auf einsamer Insel

Eine Woche darf Lisa Enroth vor der schwedischen Küste das Programm des Göteborger Filmfestivals alleine genießen. Ihr gefällt's.

Lisa Enroth während sie interviewt wird

Lisa Enroth auf der Insel Hamneskär Foto: Thomas Johansson/ap

STOCKHOLM taz | „Die Sonne wärmt richtig gut“, freut sich Lisa Enroth sichtlich entspannt vor strahlend blauem Himmel im zweiten Teil ihres Videotagebuchs: „Hier ist es so schön.“ Die 41-jährige Krankenschwester aus dem westschwedischen Skövde ist die Gewinnerin eines ganz besonderen Wettbewerbs für Hardcore-Kinofans.

Den hatte die Leitung des Göteborger Filmfestivals ausgeschrieben. Wegen der Pandemie findet es in diesem Jahr digital statt. Passend dazu wählte man „Soziale Distanz“ zum übergreifenden Thema: „Die neue Welt, die im Zuge der Pandemie entstanden ist, und die Rolle des Films in dieser neuen Welt.“ Zusätzlich hatte man die Idee, wenn schon nicht wie sonst Tausenden, so doch wenigstens einem Kinofan ein „richtiges“ Filmerlebnis zu präsentieren. Und zwar nicht in einem gewöhnlichen Kinosaal, sondern in einem isolated cinema: auf der winzigen kargen Insel Hamneskär vor der schwedischen Westküste.

Dort, auf der geografischen Grenzlinie zwischen den Meeresgebieten des Kattegats und des Skagerraks, steht der Leuchtturm „Pater Noster“, 1868 aus Eisen errichtet. Starke Meeresströmungen und verräterische Untiefen wurden hier in der Vergangenheit vielen Schiffen zum Verhängnis. Ob der Pater Noster seinen Namen wegen der Seeleute bekam, die hier in der Hoffnung, diese Passage heil zu überwinden, ein Vaterunser beteten, oder weil in seiner Nähe die Schäreninseln wie auf einer Perlenschnur aneinandergereiht liegen, darüber sind sich die Experten uneinig.

Man suche jemand, „der sich der Herausforderung stellen möchte, eine Woche in sozialer Isolation“ zu verbringen: an „einem abgelegenen Ort auf See, weit weg von Familie, Freunden und Mobiltelefon“, hieß es in der Presseerklärung, die die Festivalleitung am 4. Januar veröffentlichte. Einzige Gesellschaft werde „der Lärm des Meeres sein – und die Festivalfilme“. Das Echo war enorm. Aus aller Welt kamen Bewerbungen, insgesamt über 12.000.

Totale Isolation wichtiger Aspekt bei Auswahl

Bei dem aus Interviews und Tests bestehenden Auswahlprozess war die psychische Belastung, die eine totale Isolation mit sich bringt, ein wichtiger Aspekt. „Lisa machte schon mit ihrem Brief einen starken Eindruck“, sagt Festivalchefin Mirja Wester. Der Eindruck habe sich im Gespräch verstärkt. Und „dass sie auch noch eine der Helden des Gesundheitswesens ist, die täglich gegen Covid-19 kämpfen, macht die Sache in diesen Zeiten ja noch besser“.

Ihre Arbeit in der Abteilung für akute Fälle des Krankenhauses in Skövde habe ihr im Laufe der Monate „regelrecht die Energie entzogen“, erzählte Enroth. Dass sie – Mitglied eines lokalen Filmklubs am Heimatort – in ihrem isolated cinema eine Woche lang Filme genießen könne, sei „ganz einfach ein wahnsinniger Spaß“: „Endlich kein Stress mehr.“

Auch nicht bei dem Festivalprogramm mit 70 Filmen, das sie zur Auswahl hat. „Gestern hab ich nur zwei geguckt“, berichtete sie am Montag. Einer davon sei der deutsche Beitrag „Undine“ gewesen: „Den hätte ich nicht allein sehen sollen. Da umarmen sie sich ständig. Wie ich Umarmungen vermisse.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de