: Wer bringt den Kies nach Berlin?
■ Erdaushub und Baumaterial für den Aufbau der Hauptstadt: Die Binnenschiffahrt von und nach Berlin ist eine Wachstumsbranche
„Von der Einheit profitieren“, hieß die Losung gerade der Transportunternehmer in der wiedervereinten Hauptstadt Berlin. Sogar die Binnenschiffer, in Westdeutschland lange schon eine schrumpfende Branche, rechneten 1990 mit einem wachsenden Frachtaufkommen zu Wasser. Eine durchaus realistische Erwartung: Wo zwischen Sczcecin und Berlin früher eine Million Tonnen Güter per Schiff unterwegs war, werden es 1994 3,6 Millionen Tonnen sein. Tendenz, angesichts der Großbaustellen, weiter steigend.
Die deutschen Binnenschiffer jedoch haben davon wenig. „Die Polen fahren wahnsinnig viel Kies zu den Berliner Baustellen“, sagt Marion Böttger von der Binnenreederei Berlin. „Wir fahren jetzt gar keinen Kies mehr.“ Nur ein wenig Kohle ist der Reederei, die bereits um 2.000 Arbeitsplätze auf 530 Beschäftigte abspecken mußte, zum Transport nach Berlin und nach Magdeburg geblieben. „Aber Kohle transportieren die natürlich auch“, bedauert Böttger.
Die Blockade kostet die Berliner Reederei täglich 70.000 Mark. Viel schlimmer allerdings wäre es für sie, wenn sich die polnischen Binnenschiffer mit ihrem Protest durchsetzten. Mit 12 Millionen Mark weniger Umsatz in diesem Jahr rechnet die Reederei für diesen Fall. Im nächsten Jahr würde sich die Existenzfrage stellen.
Ausgerechnet in der Hauptstadt merken bundesdeutsche Unternehmer zuerst, was es heißt, unter Marktbedingungen ein aufstrebendes Niedriglohnland zum Nachbarn zu haben. Die Umgangssprache auf den zahlreichen Baustellen ist polnisch. Auch Kies, Sand und andere Baustoffe kommen zunehmend aus dem 90 Kilometer östlich von Berlin beginnenden Ausland – ein Geschäft, das gerade erst in Schwung kommt. Denn auf den größten Baustellen, die mit dem Hauptstadtumzug zusammenhängen, ist gerade erst mit dem Erdaushub begonnen worden.
Bis zum Jahr 2002 sollen von der Mega- Baustelle rund um den Potsdamer Platz sechs Millionen Tonnen Sand und Trümmerschutt abtransportiert werden, drei Millionen Tonnen Beton und zwei Millionen Tonnen Stückgut im Gegenzug dorthin gelangen. Vergleichbare Mengen an Erdaushub und Baumaterial werden außerdem bei den Bauarbeiten im Regierungsviertel und am neuen Bahnhof anfallen. Den Löwenanteil, zwei Drittel, transportiert ohnehin die Bahn, die zumeist über direkte Anschlüsse an den Zielpunkten verfügt.
Das Drittel, das die Binnenschiffer gegen die Konkurrenz der Bahn ergattern konnten, nehmen ihnen nun die polnischen Wettbewerber auf marktwirtschaftlich mustergültige Weise ab. Sie verweigern nicht nur die Marktaufteilung, sondern unterbieten auch den zwischenstaatlich festgelegten Preis. Daß ihre Blockade ernstgemeint ist, glaubt auch Marion Böttger von der Berliner Binnenreederei: „Die wollen bleiben, bis die Kontingentierung weg ist.“ Ihre einzige Hoffnung richtet sich nun darauf, daß eine lange Blockade den polnischen Binnenschiffern möglicherweise mehr schadet als den deutschen. „Wir haben ja noch Schiffe, die anderswo fahren“, sagt sie. „Die Polen aber legen sich in Stettin selbst komplett fest.“ Donata Riedel
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen