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Wenn es in der Bibliothek Tränen gibt

Ein laut weinendes Kind, es ist wohl etwa fünf Jahre alt, wird von einem anderen, vielleicht siebenjährigen Kind an der Hand durch die Comicabteilung der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) geführt. Ein Besucher bemerkt die beiden und fragt, was denn los sei.

Das ältere Kind weint nicht. „Er hat seine Mama verloren“, erklärt es ruhig. Auch seine eigene Mama vermisse er: Beide Mütter seien zusammen gewesen und waren dann plötzlich weg.

Als der Sicherheitsdienst mit den Kindern zum Mikrofon für Durchsagen geht, hat sich bereits eine kleine Runde Un­ter­stüt­ze­r*in­nen gebildet. Eine Frau aus der Gruppe schlägt vor zu applaudieren, wie das in anderen Ländern üblich sei, wenn ein elternloses Kind am Strand gefunden wird. Niemand tut etwas, doch alle bleiben und warten.

Nach ein paar Minuten stürzen schließlich zwei verzweifelt aussehende Frauen in die Halle. Die Kinder laufen auf sie zu und fallen ihnen in die Arme.

Berlin-Kreuzberg

151.400 Ein­wohner*innen.

Die AGB in dem Ortsteil ist Teil der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, die seit Jahren nach einem Standort sucht, an dem alle Teile in einem Haus zusammengeführt werden können. Derzeit ist dafür ein Kaufhaus am Alexanderplatz im Gespräch.

„Wo warst du?“, fragt jetzt der ältere Junge seine Mutter – und bricht im selben Moment in Tränen aus. Luciana Ferrando

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