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Wendepunkt eines Zeitalters

Mit dem Internet waren große subversive Hoffnungen für einen freien Austausch der Individuen verbunden – bis 2001 der iPod auf den Markt kam und die Tech-Bros alles kapitalisierten. Doch Alternativen bleiben weiterhin möglich

Von Konstantin Nowotny

Als sich vor einem guten Vierteljahrhundert abzeichnete, welche Macht in einer Technologie namens Internet stecken könnte, sahen einige am Horizont bereits den Systemsturz: „Gemessen daran, dass die Umverteilung von Kontrolle schon geschieht, kann die Umverteilung von Wohlstand und unserer kollektiven Kreativität da noch weit sein?“, fragte das Tech-Magazin Wired am 1. Oktober 2000.

Mit „Umverteilung der Kontrolle“ spielte das US-Medium auf eine Plattform an, welche die Gesetzgebungen der analogen Welt erheblich herausforderte: Napster. Das Programm war in der Lage, sämtliche Musikdateien auf den Computern seiner Nut­ze­r*in­nen zu scannen und zu katalogisieren. In der daraus hervorgehenden Datenbank konnten vernetzte Musikfans auf der ganzen Welt nach Titeln suchen und diese herunterladen – kostenlos.

Zwar verfügten die meisten Haushalte noch über langsame, über den Telefonanschluss laufende 56k-Modemverbindungen, mit denen das Herunterladen eines einzelnen Musikstücks gern eine Viertelstunde dauern konnte. Mitte 2000, nur knapp ein Jahr nach der Gründung, waren auf dem Portal dennoch etwa 4 Millionen aktive Nut­ze­r*in­nen unterwegs.

Im Juli 2000 erließ ein US-Bezirksgericht eine einstweilige Verfügung gegen Napster. Achillesferse der Tauschbörse war ihre zentralisierte Struktur. Zwar bot die Plattform nie selbst Musikdateien an, fungierte aber als Vermittler und war damit rechtlich angreifbar. In dieser Form wurde Napster im Juli 2001 abgeschaltet. Ein kommerzieller Neustart der Plattform misslang.

Parallel dazu entstanden im Internet des Jahres 2001 andere Plattformen, deren Konzept anarchistisch anmutete: „Es ist irgendwie überraschend, dass man einfach eine Webseite erstellen und die Leute arbeiten lassen kann“, ließ sich der Mitgründer der Online-Enzyklopädie Wikipedia, Jimmy Wales, von der New York Times zitieren. Das Prinzip seines digitalen Lexikons war simpel und gutgläubig. Wer immer sich dazu berufen sah, konnte Artikel schreiben, ergänzen, ändern. Der daraus resultierende soziale Druck, so Wales, würde dazu führen, dass die Wi­ki­pe­di­a­ne­r*in­nen freundlich bleiben sowie sich an neutrale Formulierungen und Fakten halten würden.

So kann nur einer sprechen, der eine andere Version des Internets kennt als die gegenwärtige. Bis in die frühen Nullerjahre bestand der nicht kommerzielle Teil des World Wide Web aus Seiten, die von Privatpersonen oder kleinen Gruppen aus Neugier, Spaß oder zur Vernetzung mit Gleichgesinnten betrieben wurden. Noch gänzlich unbefangen von den Dynamiken dessen, was heute Social Media genannt wird, gaben Menschen ihre Kontaktdaten im Netz preis, veröffentlichten private Fotos, schrieben über ihre Kleintierzucht, ihre Modelleisenbahn oder ihre schönsten Urlaubserlebnisse. Parallel dazu übertrug sich mit Onlineshops wie Amazon oder eBay bereits ein erheblicher Teil des Einzelhandels ins Internet.

Napster hatte das Konzept von Eigentum im digitalen Raum grundsätzlich infrage gestellt. Für die Fileshare-­En­thu­sias­t*tin­nen gehörten Kopien digitaler Medien niemanden. Mit Wikipedia existierte aber bereits ein alternativer Ansatz: Digitale Inhalte sind Gemeingut. Die Organisation Creative Commons, die ebenfalls 2001 gegründet wurde, sollte die lizenzrechtliche Grundlage für freie Inhalte von Text bis Video darstellen.

Je größer die Utopie von der frei assoziierten digitalen Gemeinschaft aber wurde, desto mehr ragte sie in die stofflich-kapitalistische Realität hinein: Webspace, physische Server, waren rar und teuer. Ein großer Teil des frühen Internets basierte auf den Serverkapazitäten von Universitäten oder überzeugten Netzenthusiasten. Das Platzen der Dotcom-Bubble im Jahr 2000 machte überdeutlich, was zur einer Vollkommerzialisierung des Internets fehlte: ein Geschäftsmodell.

Tech-Utopist*innen erträumten sich einen digitalen Kommunismus

Ein solches bot bald ein Unternehmen an, das damit zu einer der wertvollsten Marken der Welt avancieren sollte. Google AdWords hieß der im Jahr 2000 gestartete Dienst, der später Suchanfragen und Website-Inhalte interpretierte und passende Werbeanzeigen ausspielen konnte. Wer etwa nach Informationen über das Mittelmeer suchte, bekam die passende Kreuzfahrt gleich mit den Suchergebnissen serviert.

Mehr noch als ein Produkt lieferte Google der digitalen Welt damit ein Prinzip: Webseiten und Online-Dienste mussten nicht selbst Geld verdienen, stattdessen zahlten sie mit der Aufmerksamkeit ihrer Nut­ze­r*in­nen – und in zunehmendem Maße mit deren Daten. Die daraus entstandenen Wechselwirkungen zwischen Werbebranche und Netzwelt bestimmen einen erheblichen Teil des Internets bis heute: Viele scheinbar kostenlose Plattformen wollen möglichst viel über ihre Nut­ze­r*in­nen wissen und sie möglichst lange binden: Cookies akzeptieren, Benachrichtigungen aktivieren, Adblocker ausschalten; Like, Follow, Subscribe.

Seitdem etwa ab dem Jahr 2004 unter IT-Journalist*innen der Begriff „Web 2.0“ kursierte, hatte sich noch etwas verändert. Das „Prinzip Wikipedia“ inspirierte zum Mitmach-Web, auf vielen Plattformen konnten die Nut­ze­r*in­nen nun Kommentare hinterlassen, eigene Inhalte erstellen, hochladen und mit anderen teilen. Die Anbindung an die Werbeindustrie und verbesserte Übertragungsgeschwindigkeiten ermöglichten eine mittelschwere Netzrevolution – und trugen auch zum Ende des illegalen Filesharings bei.

Mit der Veröffentlichung des mp3-Players iPod im Oktober 2001, mehr noch aber mit dem Start des Musikshops ­iTunes im Jahr 2003 bot Apple eine erschwingliche Alternative zur rechtlich stark unter Druck geratenen Datenpiraterie. Dezentral organisierte Plattformen wie LimeWire oder Kazaa umgingen die urheberrechtliche Schwachstelle, die Napster zu Fall brachte, waren aber oft langsam und kompliziert. Der iPod aber war chic und iTunes komfortabel. Der Weg für die Streamingökonomie war frei.

Vom gemütlichen Vorgarteninternet der frühen Nullerjahre ist heute nicht viel übrig. Dagegen sind die Effekte der Kapitalkonzentration im digitalen Raum unübersehbar. Wie der Soziologe Philipp Staab in seinem Buch „Digitaler Kapitalismus“ herausgearbeitet hat, gehört das Netz heute zu weiten Teilen wenigen Unternehmen, die im Vergleich zur analogen Wirtschaft über eine bizarre Marktmacht verfügen. Das Buhlen um kognitive Ressourcen haben Tiktok, Instagram, X und Co derartig perfektioniert, dass über Social Media unterdessen nicht zu Unrecht gesprochen wird wie über eine Droge.

Im Lichte dessen wirkt Wikipedia fast wie ein nicht kommerzielles Bollwerk. Jetzt aber greifen die KIs zu: Von Menschen erstellte Inhalte sind heute Trainingsdaten für die großen Sprachmodelle der Chatbots. Das über Jahrzehnte gesammelte Gemeinschaftswissen wandert in die Hände von Konzernen.

Rückblickend kann das Jahr 2001 als Wendepunkt des Internetzeitalters betrachtet werden: Gerichte begannen, neue Gesetze zu erlassen: Altersverifizierung, Datenschutzerklärung, AGBs. Die meisten Medien verriegelten sich hinter Paywalls und Abomodellen. Ein großer Teil des Webs ist heute ein privatwirtschaftlich organisiertes Ökosystem. Auf den freien, nur durch Bandbreite begrenzten Datenaustausch zwischen Individuen folgte nicht der von den Tech-­Uto­pis­t*in­nen erträumte digitale Kommunismus, sondern die (Wieder-)Aneignung des Netzes durch Staat und Kapital.

Dem kommerzialisierten Netz aus dem Weg zu gehen, ist schwerer geworden, aber noch immer möglich: Seit den Pionierjahren des Internets entwickelt die Open-Source-Community werbefreie, kostenlose und quelloffene Alternativen zu zahlreichen Apps und Plattformen. Die Mittel dafür stammen zumeist aus Spenden. Was dieses Kapitel der Internetgeschichte auch lehrt, ist, dass es einen entscheidenden Unterschied zur analogen Gesellschaft gibt: Die Alternative ist nicht nur denkbar. Sie hat bereits existiert, und sie existiert immer noch.

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