: Welche Früchte der Baum trägt
Im Gutshaus Steglitz zeigen Antje Majewski und Jen Tiger anhand des Osage-Baums, wie eng Geschichten von Migration, Kolonialismus und ökologischer Transformation verzahnt sind
Foto: Jen Tiger
Von Julia Gwendolyn Schneider
Gelbgrün, runzelig und kugelig, in der Größe einer Pampelmuse ähnlich, fasziniert die Osage-Orange durch ihre eigentümliche Oberflächenstruktur und auffällige Farbigkeit. Auf die Frucht des Osagedorns stieß Antje Majewski bereits 2008. Für ein Science-Fiction-Projekt suchte die Künstlerin nach einer organischen Kugelform für ein fremdartiges spekulatives „Kunstwerk der Zukunft“.
Als sie sich näher mit der Frucht beschäftigte, entwickelte sich daraus ein recherchebasiertes Langzeitprojekt. Die Ausstellung im Gutshaus Steglitz bildet dazu eine Station, Werke von Majewski werden dort gemeinsam mit Arbeiten der Künstlerin Jen Tiger gezeigt, einer Angehörigen der Osage Nation. Der Osagedorn, der im Süden der USA beheimatet ist, brachte Majewski zu den Osage und deren Kolonisierung, die ebenso eine Kolonisierung ihres Landes wie seiner Fauna und Flora war.
In einer Videoarbeit erzählt der Osage-Älteste Raymond Lasley, der heute noch traditionelle Jagdbögen aus Osage-Holz herstellt, von der Vertreibung im 19. Jahrhundert und dem ursprünglich seminomadischen Leben, bei dem zweimal im Jahr Bison gejagt wurde. Um die Nahrungsgrundlage der Plains Nations zu vernichten, wurden Bisons gezielt ausgerottet. Sesshaftigkeit sollte so erzwungen werden.
Das einstige Territorium erstreckte sich über Teile der heutigen US-Bundesstaaten Missouri, Arkansas, Kansas und Oklahoma. Durch den Louisiana Purchase 1803 mussten die Osage ihr Land im Osten abtreten und nach Westen ausweichen. Das letzte, dauerhafte Reservat im heutigen Osage County (Oklahoma) wurde 1872 besiedelt.
In den 1920er Jahren wurden die Osage durch unverhoffte Erdölvorkommen reich. Mit der Veräußerung von kollektivem Landbesitz ging aber das zusammenhängende Gebiet verloren: „Heute besitzen wir nur noch die Mineralrechte, die sich unter der Erde befinden. Wir haben also ein unterirdisches Reservat“, erklärt Milton V. Labadie, ein hoch angesehenes Mitglied der Osage Nation, in derselben Videoarbeit.
Was im Film nicht vorkommt, ist, dass der kollektive Rückkauf des enteigneten Landes inzwischen von den Osage bewusst vorangetrieben wird. Das Thema greift der Katalog mit einer Text-Bild-Collage von Tiger auf, die leider nicht in der Ausstellung zu sehen ist. Tigers Werke, die durch Archivarbeit entstehen, drehen sich allesamt um die Geschichte der Osage, deren Wissens- und Lebenssysteme verdrängt werden sollten.
In der Ausstellung zeigt ein Diptychon Johannes Calvin, der auf ein historisches Dokument geklebt ist: Auf der Spitze seines Zeigefingers balanciert ein winziges Mädchen in indigener Kleidung. Aus einer Spindel in seiner Hand läuft ein schwarzer Faden zu einem Webstuhl, herauskommt ein rosa Faden, der zu dem Kleid gehört, das das Mädchen im darauffolgenden Bild trägt. Die Missionare sollten nicht nur christianisieren, sie sollten auch zivilisieren. Dazu zählte für Mädchen das Erlernen von Spinnen, Weben, Nähen und Hausarbeit, wie Tiger im Katalogtext erklärt.
Foto: Jens Ziehe, Berlin; Antje Majewski/VG Bild-Kunst, Bonn 2026, courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin
Tigers Arbeiten vermitteln aber auch Resilienz und Stolz. In einer traditionell getragenen Brosche steckt hinter Gitterstäben das Foto eines „Unverbesserlichen“. Er lief immer wieder aus dem Internat davon, aus Protest gegen den erwarteten Arbeitseinsatz bei ortsansässigen Farmerfamilien. Später wurde er Dolmetscher für die Osage.
In einem zweiten Film interviewt Majewski einen Forstexperten. Er zeigt, wie der Osage-Baum dabei half, Grenzen zu ziehen. Als stachelige Hecke sicherte er landwirtschaftliche Parzellen, macht aber auch die Inbesitznahme von Land durch die europäischen Siedler*innen greifbar, die das Graslandökosystem durch Einfriedung, Extraktion und Verdrängung indigener Landpraxen neu formten. Heute wirkt der Baum dem ökologischen Kollaps durch Ackerbau entgegen, er stabilisiert die Sandböden des Dust Bowl.
Ein Gemälde von Majewski greift die im Film gezeigte Rasterkarte von Oklahoma auf und beschäftigt sich mit der rigiden Gitterstruktur, die über die Prärie gelegt wurde. Die Karte bedeckt eine nur schwer zu erahnende Naturszene, die zu einem übermalten Ölbild gehört. Dem gegenüber stehen Porträts der eigentümlichen Frucht und des Baumes, den Majewski im nahe gelegen Berliner Botanischen Garten vorgefunden hat. Mit ihren naturalistischen Gemälden will die Künstlerin keinen erholsamen Ausklang nach der schmerzhaften und komplexen Geschichte bieten. Eher sei ihr Gefühl gewesen, der Baum lebe sein Leben unabhängig von uns. Die Koexistenz von Pflanzen und Menschen sei eng verzahnt und gleichzeitig opak.
Antje Majewski, Jen Tiger: „Osage Orange“. Gutshaus Steglitz, Berlin, bis 18. Oktober
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen