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Weizsäcker enttäuschte

Der deutsche Bundespräsident enttäuschte die Südkoreaner/ Keine Ratschläge für das geteilte Volk  ■ Aus Seoul Georg Blume

„Ich bin kein Künstler, ich bin kein Wissenschaftler, ich bin nur ein Politiker“, wehrte sich der Bundespräsident. Richard von Weizsäcker, bis Mittwoch auf Staatsbesuch in Seoul, enttäuschte damit die Herzen der Südkoreaner. Vom Koarchitekten der deutschen Vereinigung hatten sie historische Worte erwartet, geistigen Zuspruch und vielleicht auch ein bißchen Einheitsträumerei. Stattdessen vermied der Bundespräsident das öffentliche Gespräch, verzichtete auf alle symbolischen Gesten und wiederholte mehrmals: „Ich will hier keine Ratschläge geben.“ Warum war er dann nur gekommen?

Von Richard von Weizsäcker ist bekannt, daß er nicht als kopfloser Polittourist fremde Länder bereist. Seine Visiten in der Sowjetunion und Polen haben erkennen lassen, wie sich mit symbolischer Sorgfalt und zeitgerechter Planung Staatsbesuche zu einem völkerverbindenen Ereignis gestalten lassen. Doch in Seoul mangelte es dem Bundespräsidenten an Sorgfalt wie an Plan. Das koreanische Presseecho war ein Beleg dafür. Die Seouler Tageszeitung 'Hankyoreh-Shinmun‘ begnügte sich gestern mit dem belanglosen Titel: „Präsident Weizsäcker und Präsident Roh Tae Woo wollen den deutsch-koreanischen Handel stärken.“

Wieviel mehr hatten gerade die intellektuellen Köpfe Süd-Koreas, die Schriftsteller, Zeitungsmacher und Professoren erwartet, die seit Jahren das Vorbild der bundesdeutschen Ostpolitik predigten, um den Vereinigungsprozeß in Korea voranzutreiben. In Weizsäcker sahen sie ihren Kronzeugen kommen. Doch nun spricht der Kommentator Kim Yongkoo von einer „verpaßten Gelegenheit“. Weizsäcker habe versäumt, das deutsche Erfolgsrezept gegenseitiger Annäherung samt des notwendigen Verzichts auf politische Konfrontation verständlich zu machen. Aus Rücksicht auf den derzeit skandalgeplagten Präsidenten Roh Tae Woo mußte der Bundespräsident jedem zu erwartenden öffentlichen Jubel pflichtschuldigst ausweichen. So blieb das Werben für Deutschland den Industriebossen in Weizsäckers Begleitung überlassen.

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