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Zeit seines Künstlerlebens hat sich Fabio Mauri mit Deutschland beschäftigt. Jetzt ist sein Werk online erkundbar, auch um die KI darüber nicht halluzinieren zu lassen

Fechtszene aus Fabio Mauris „Ché chose e il fascismo?“ (Was ist Faschismus?) von 1971 Foto: Studio Fabio Mauri/Hatje Cantz

Von Astrid Kaminski

Das Gute und das Böse sprechen dieselbe Sprache. Nur das Ende unterscheidet sie“, so sah es der multidisziplinäre, italienische Künstler Fabio Mauri. In diesem Zitat steckt schon fast sein ganzes, sich an Faschismus und Nationalsozialismus abarbeitendes Werk. In Deutschland ist Fabio Mauri erst noch zu entdecken. Insbesondere angesichts einer gesellschaftspolitischen Situation, in der die scheinbaren Heilsversprechen autoritärer Kräfte die Erinnerung daran zu verdrängen drohen, welch einen Terror sie historisch einmal bewirkt hatten.

Im Jahr 2009 ist der in Italien hoch angesehene Künstler und Ästhetikprofessor 83-jährig gestorben, bald darauf gingen die Arbeiten zur Erfassung seines Werks los. Jetzt ist in der Tradition eines Catalogue Raisonné sein Werkverzeichnis, einschließlich Essays, Beschreibungen, Bild- und Videomaterial als interaktives Online-Buch erschienen, auf Englisch und Italienisch, kostenfrei und öffentlich zugänglich. Außerdem wird es gerade in einer 1.000-Seiten-Ausgabe zwischen Buchdeckel gepresst, erwartet im April bei Hatje Cantz.

Fabio Mauris Familiengeschichte ist eng mit dem Buchwesen, dem belletristischen Verlag Bompiani und dem Medienvertrieb Messaggerie Italiane, verbunden. So ist der verlegerische Ehrgeiz des Nachlassverwalters, des Studio Fabio Mauri, auch die Fortsetzung einer unternehmerischen Tradition. Die will und kann sich Idealismus leisten.

Die Intensität, mit der Mauri gegen die Verdrängung des Holocaust anarbeitete, sei in der zeitgenössischen Kunst beispiellos – „mit der einzigen, aber markanten Ausnahme des Werks von Anselm Kiefer“, so schreibt der Philosoph und langjährige Freund Giacomo Marramao in einem Beitrag zum Katalog. Nur dass Mauri, indem er sich unverbrüchlich der schmalen Grenze zwischen Gut und Böse widmete, einem „metahistorischen“ Ansatz folge. Er denke über die Verarbeitung des historischen Terrors hinaus.

Zunächst aber hatte es der in Bologna aufgewachsene Fabio Mauri ganz konkret mit der psychologischen Verarbeitung dessen zu tun, was er nach dem Zweiten Weltkrieg vom Ausmaß der Shoah erfuhr. Dieses Wissen hätte ihn fast seine geistige Gesundheit gekostet. Ein Jahr lang habe er, so erzählt es in Mailand am Rande der Katalogvorstellung sein Neffe, nicht mehr gesprochen.

Jahrelang soll er zwischen Kloster und psychiatrischer Einrichtung hin und her gependelt sein. Dem Kloster war er nicht heilig, der Psychiatrie nicht „verrückt“ genug. Dennoch musste er dreiunddreißig Elektroschocktherapien über sich ergehen lassen. Erst 1952 wurde er offiziell aus dem Krankenhaus entlassen.

Die Frage, wie die deutsche Kultur umkippen konnte in Faschismus und Terror, hat ihn jedoch zeitlebens nicht mehr losgelassen. Sie war ihm stets Leitfaden und Menetekel, während er souverän seinen Weg über Neo-Dadaismus, Malerei, Comic, Collage, Installation und postmoderne Performance bis hin zur Vorwegnahme des Postdramatischen und immersiver Kunstformen bahnte.

Dabei hat er den Nationalsozialismus nicht als einzigartiges Gebaren des absolut Bösen begriffen. Vielmehr bezeichnete er ihn als „kulturelle Tragödie“, die in ihren Mechanismen potenziell wieder eintreten könne. Vor dem Hintergrund dieser Einschätzung ging es ihm darum, Symbolik und Ästhetik der faschistischen Ideologie so zu ergründen, dass durch die Lupe seiner Kunst im besten Fall Werkzeuge im Auge der Betrachtenden entstehen, die diese vor neuen Formen von ideologischem Terror bewahren.

Der Bildschirm war in seinen Augen das Medium schlechthin für Ideologien

Das heißt nicht, dass Mauri konkrete Rezepte oder Anweisungen parat hatte. Eine der Qualitäten seiner Kunst ist es, dass er ihr, bei aller Präzision, nie Wortwörtlichkeit abverlangte – selbst, oder gerade, wenn sie scheinbar nur aus einem Wort bestand.

Das eine Wort, das immer wieder in seinen Arbeiten vorkommt, sind eigentlich zwei: „The End“. Dieses „Ende“ bezieht sich auf seine zweite Obsession, die jedoch untrennbar mit der ersten verbunden ist: den Bildschirm. Ab den 1950er Jahren schuf er sogenannte „schermi“, die teils aussehen wie Abstraktionen eines iPads. Der Bildschirm war in seinen Augen das Medium schlechthin für Ideologien.

Technisch zukunftsgewandt, aber was die damit verbundene Filmästhetik angeht, atavistisch. Diese führe, so wird Mauri im Katalog zitiert, „zurück zu einem elementaren Zustand, der stets einer moralischen Struktur bedarf, um die Geschichte zu erklären; andernfalls wird sie zu einer unverständlichen Phänomenologie“. Was auf ein filmisches Produkt folgt, ist „The End“ – nicht nur als Ende einer Geschichte, als Abspann, sondern als eine Art Ergebniszwang.

Der Künstler Fabio Mauri vor einem seiner Enden Foto: Studio Fabio Mauri/Hatje Cantz

Für das, wie er betonte, ideologienanfällige Europa bekommt der Bildschirm damit eine apokalyptische Dimension. Solche Perspektiven hat Mauri in Gesprächen skizziert, sie jedoch nicht als Apostel des Weltuntergangs verkündet. Recht haben zu wollen, war für ihn eine Kategorie des Ideologischen. Es ging ihm darum, Versuchsanordnungen zu bauen, um Gefühl zu sensibilisieren.

Dass nun die Möglichkeit besteht, Mauris Werk in der Bildschirmwelt des Internets kennenzulernen, ist ein interessanter Widerspruch. Bei der Präsentation des Online-Katalogs beschreibt die Herausgeberin, die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev (unter anderem der documenta 13 in Kassel), die Motivation für den massiven Aufwand als eine Arbeit an der Wahrheit. Man komme an der Realität des Internets nicht vorbei. Statt die KI halluzinieren zu lassen, ginge es darum, sie mit validen Informationen sowie Beiträgen zu Large Language Models zu füttern.

Wichtige Part­ne­r:in­nen für den wissenschaftlich und doch benutzerfreundlich aufbereiteten Katalog waren das Mailänder Designstudio Leftloft sowie die Künstlerin und Kunsthistorikerin Sara Codutti, die vor der Katalogarbeit an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ihre erste Stelle angetreten hatte. Dort erlebte die junge Assistenzkuratorin die Hochphase der Pegida-Demonstrationen mit: „Jeden Montag 30.000 Menschen, die das Motto ‚Wir sind das Volk‘, das einst für eine friedliche Revolution stand, als fremdenfeindliche Parole umbogen.“

Er projizierte für seine Arbeit „Intelletuale“ Pasolinis Filme auf andere Menschen Foto: Studio Fabio Mauri/Hatje Cantz

Ein geschichtlicher Moment, der Mauris Perspektive überdeutlich bestätigt und den es, ginge es nach seiner Kunst, nicht hätte geben sollen.

Sein Versuch, durch Installationen und Performance Situationen zu schaffen, in denen das Verantwortungsgefühl geschärft wird, galt dabei nicht nur Betrachtenden, die er nicht selten zu Involvierten machte, sondern auch seinen Künstlerkolleg:innen. Ein Künstler, so war Mauri überzeugt, trägt Verantwortung für sein Werk. Exemplarisch für diese Forderung sowie auch für die Wirklichkeit, in der sie bestehen will, ist 1975 sein „screening“ eines Films von Pier Paoli Pasolini auf den kontroversen Filmemacher Pasolini selbst.

Im Gespräch mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist erinnert sich Mauri, der wiederum in Pasolinis Film „Medea“ eine Rolle gespielt hatte: „Ich sagte für einen seiner Filme zu, und im Gegenzug führte er eine Performance von mir mit dem Titel ‚Intellectual at the Museum of Bologna‘ auf, in der ich seinen Film ‚Das 1. Evangelium – Matthäus‘ auf sein Hemd projizierte: Ich gab die Verantwortung für das Werk dem Autor zurück. Zwei Monate später sollte er mit mir auf eine Art Tournee gehen, doch in der Zwischenzeit wurde er ermordet. So projizierte ich den Film in dieser Performance, die um die halbe Welt reiste, auf sein Hemd und seine Jacke. Merkwürdigerweise werden sie jedes Mal gestohlen, obwohl es weder sein Originalhemd noch seine Originaljacke sind …“

Carolyn Christov-Bakargiev (Hrsg.): „Fabio Mauri. Catalogue Raisonné“. www.fabiomauri.com/en/catalogo/. Printversion: Hatje Cantz, Berlin 2026, 928 Seiten und 3.600 Farbfotos, 250 Euro

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