: Warum Bücher so wenig nützen Von Mathias Bröckers
Klappern, so heißt es, gehört zum Geschäft. Zum Buchgeschäft aber, so scheint es, gehört das Jammern, und seine hohe Zeit bricht alljährlich zur Buchmesse an: Das Ende der Lesekultur, die Videotisierung der Massen, der schleichende Tod des Buchhandels — wenn die Frankfurter Messe naht, putzt sich die Branche nicht nur mit Hochglanzprospekten und dröhnenden Klappentexten heraus, sie stimmt auch unisono das immergleiche Klagelied an. In der Hoffnung, daß auf die nackten Zahlen niemand guckt, denn die offenbaren, daß der Umsatz auch im letzten Jahr mal wieder um vier Prozent gestiegen ist, daß heuer mit knapp 120.000 Neuerscheinungen mal wieder ein neuer Rekord zu verzeichnen ist, daß also niemals seit der Erfindung des Alphabets so viele Bücher an die Kundschaft gebracht wurden wie just in diesem Bücherherbst.
„Ja, aber was für Bücher sind das denn, die da verkauft werden, und unter welchen Bedingungen?“ fragt der Literatur-Lobbyist und verweist auf die Tatsache, daß es sich bei den Best- und Longsellern in aller Regel um Junkfood und bei der Mietenexplosion in den Innenstädten um eine Katastrophe handelt, die den kleinen Qualitäts-Buchladen in den Ruin treibt. Mit dem Ergebnis, daß die auf schiere Umschlaggeschwindigkeit schielenden Buchkaufhäuser den profitablen Hang zum gedruckten Wegwerfprodukt nur noch steigern und die Lesekultur des Publikums endgültig auf den Hund bringen werden.
Alles wohl wahr, nur geht es dem guten Buchhändler um die Ecke eben nicht anders als der Mieterin gleich nebenan — und die Zeiten, als das Lesen noch geholfen hat, hat es sowieso nie gegeben.
Spätestens die Renaissance des gewalttätigen Nationalismus in Deutschland zeigt, daß die Gleichung Gutenberg-Revolution plus aufklärerische Ideen gleich demokratischer Humanismus so einfach nicht hinhaut. Seit 45 Jahren schreiben sich Historiker und Literaten gegen die Nazis die Finger wund, stellen mittels Dokumentationen und Memoiren den Horror des Faschismus dar, und die Auflage der im weitesten Sinne antifaschistischen Literatur geht weltweit in die Millionen — und doch würde „Mein Kampf“, dürfte das Buch in Deutschland veröffentlicht werden, wahrscheinlich sofort die Bestsellerliste stürmen und Hitler sich dort als ein ähnlicher Hit erweisen wie die Neuauflage von „1.000 ganz legale Steuertips“.
Eine Konstellation, die verdeutlicht, warum Bücher so wenig nützen: Es geht (auch den neuen Nazis) nicht um Ideen, es geht um Besitzstandswahrung, nicht um Moral, sondern ums Fressen.
Mit Büchern (mit Ideen, mit „Kultur“) ist dem Skinhead nicht beizukommen, der Rassismus überlebt seine rationale Kritik ebenso fröhlich wie die Religion ihre materialistische. Daß der rassistische Virus sich im Osten schneller ausbreitet als im Westen, hat weniger mit 40 Jahren „verordnetem Antifaschismus“ zu tun als mit simplem Futterneid. Es war schon immer etwas einfacher, den Faschismus aus der Zweitvilla im Tessin zu kritisieren. Deshalb helfen ja auch all die Bücher gegen den Welthunger so wenig: Sie sind nicht eßbar.
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