Warnung vor Epidemie in Syrien: Corona in Zeiten der Waffenruhe

Im syrischen Idlib schweigen die Waffen. Die Menschen strömen auf die Straßen. Die WHO beginnt mit ersten Corona-Tests in der Rebellenprovinz.

mehrere Menschen in Schutzanzügen

Überall ist Corona Thema: Straßendesinfektion in der Stadt Kamischli in Nordostsyrien Foto: Baderkhan Ahmad/ap

BERLIN taz | Unermüdlich warnen Hilfsorganisationen, doch längst schon könnte eine Katastrophe nur noch schwer abwendbar sein. Im syrischen Idlib wurde bislang kaum jemand auf das Coronavirus getestet. Jetzt erst wurde mit ersten Tests begonnen, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Mittwoch mitteilte. Dass das Virus den Nordwesten Syriens ausspart, würde an ein Wunder grenzen, auch wenn Idlib weitgehend – aber nicht vollständig – von der Außenwelt abgeschnitten ist.

„Die Menschen hier unterschätzen Corona und kümmern sich nicht um das Virus“, sagt Suad al-Aswad aus Idlib-Stadt gegenüber der taz am Telefon. „Sollten Fälle auftauchen, wird es zu einer Katastrophe kommen, da es hier kaum Orte gibt, an denen man sich isolieren kann.“ Auch mangele es an medizinischem Personal. Viele Ärzt*innen und Pfleger*innen hätten den Dienst quittiert wegen der Bombardierungen von Krankenhäusern durch das syrische Regime.

Und noch etwas begünstigt eine Ausbreitung des Virus: In Idlib und Teilen der angrenzenden Provinzen gilt seit rund drei Wochen eine Waffenruhe. Die Türkei und Russland, die in der Region das Sagen haben, haben sich auf ein Ende der Kampfhandlungen verständigt. „Aufgrund des Waffenstillstands strömen die Menschen regelrecht auf die Straßen“, sagt al-Aswad, „die Märkte sind voller Menschenmassen und die Geschäfte sind sehr dicht gepackt.“ Desinfektionsmittel gebe es nirgends.

Die WHO hat am Dienstag die ersten dreihundert Corona-Testskits über die türkisch-syrische Grenze in ein Labor in Idlib-Stadt geliefert. Mehrere Tausend sollen folgen. Zudem seien drei Krankenhäuser mit Intensivstationen und Beatmungsgeräten auf eine Ausbreitung des Coronavirus vorbereitet worden, wie ein Sprecher am Montag mitteilte.

Beatmungsgeräte sind belegt

Doch Hilfsorganisationen bleiben skeptisch: „Obwohl drei Krankenhäuser mit Intensivstationen identifiziert wurden, gibt es insgesamt nur 201 Betten und nur 95 Beatmungsgeräte“, sagt Misty Buswell von der Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC), der taz. „Die meisten Beatmungsgeräte werden derzeit verwendet, was bedeutet, dass ein Ausbruch von Covid-19 das Gesundheitssystem wahrscheinlich überwältigen wird.“

In dem Rebellengebiet in Idlib und Teilen der angrenzenden Provinzen leben rund vier Millionen Menschen. Zum Vergleich: Der Stadt Berlin stehen bei einer Bevölkerung von rund 3,6 Millionen Menschen knapp 100 Krankenhäuser und mehr als 1.000 Beatmungsgeräte zur Verfügung (Stand Mitte März).

Suad al-Aswad, Idlib-Stadt

„In den Zelten lebt oft eine ganze Familie.“

Buswell plädiert für Hilfslieferungen, die über die Türkei nach Idlib gebracht werden könnten: „Dies umfasst nicht nur persönliche Schutzausrüstung – Masken, Handschuhe und andere Schutzgegenstände – für das medizinische Personal, sondern auch Medikamente und Ausrüstung, damit die Gesundheitseinrichtungen vorbereitet sind, wenn bei einer derart gefährdeten Bevölkerung Covid-19 ausbricht.“

Mehr als eine Million Menschen wurden seit Dezember innerhalb des Rebellengebiets vertrieben, das das syrische Regime mit Unterstützung Russlands seit bald einem Jahr Stück für Stück von großteils islamistischen Aufständischen zurückerobert. Hunderttausende Vertriebene leben laut UN-Angaben in Zelten, unfertigen Häusern und zu Sammelunterkünften umgeformten Schulen oder Moscheen. „Mehr als zehn Familienmitglieder teilen sich ein Zimmer, und auch in den Zelten lebt oft eine ganze Familie“, sagt al-Aswad.

Ausgangssperre in Regimegebieten

Am Sonntag hatte die syrische Regierung, die abgesehen vom Nordwesten und Nordosten des Landes den größten Teil des Staatsgebiets wieder unter ihre Kontrolle gebracht hat, die erste Infektion mit dem Coronavirus gemeldet. Am Mittwoch folgten weitere vier Fälle. Um eine Ausbreitung zu verhindern, ordnete sie laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana eine Ausgangssperre von 18 bis 6 Uhr an.

Louay Yassin, Sprecher der Hilfsorganisation SOS-Kinderdörfer, geht davon aus, dass mehr Menschen im ganzen Land bereits infiziert sind. “Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen“, teilte er mit. Denn auch in den Regimegebieten seien bislang kaum Tests durchgeführt worden. „Das syrische Gesundheitssystem ist kaputt, es wird einer Pandemie niemals standhalten können.“

Der Konflikt in Syrien geht in diesen Tagen in sein zehntes Jahr. In Idlib wie in anderen Regionen des Landes haben syrische Regierungstruppen und die russische Luftwaffe gezielt Krankenhäuser in feindlichem Gebiet bombardiert, so dass die medizinische Infrastruktur am Boden liegt. Nach Angaben der WHO wurden zwischen 2016 und 2019 knapp 500 medizinische Einrichtungen angegriffen, zwei Drittel davon in Idlib und Umgebung.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war die Stellungnahme des International Rescue Committee der IRC-Mitarbeiterin Kirsty Cameron zugeordnet. Wir haben die entsprechenden Stellen geändert.

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