Wahlverwandtschaften: Lass mich in deinem Lachen baden

Er war ihr Freund, und er war sehr krank. Sie haben ihn bis zu seinem Tod begleitet. Bericht von einem Abschied.

Noch einmal ans Meer - Dank seiner Freunde konnte sich Gottfried diesen Wunsch erfüllen Bild: dpa

Plötzlich war er so anders. Er, der Zurückhaltende, Schüchterne, begrüßte die Freunde, typisch München, mit Bussi-Bussi-Attitüde und "Hallo Schatzi". Zu Verabredungen kam er, der pedantisch Zuverlässige, zu spät, ohne sich zu erklären. Seinen Freund Reinhold, mit dem den studierten Physiker und Philosophen aus Leidenschaft nicht nur die Liebe zu Thomas Bernhard verband, verwirrte er mit Interesse für kitschige Kaufhausliteratur.

Die Freunde haben gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Sie haben sich Sorgen gemacht, er hat über Kopfweh und schlechte Träume geklagt. Da hatte sich der Tumor schon in Gottfrieds Gehirn festgefressen. Er hat ihm noch ein Jahr gelassen. Er hat sein Leben verändert und das seiner Freunde. Denn sie haben ihn, den 62-Jährigen, der keine eigene Familie und nur losen Kontakt zu seiner Schwester hatte, bis zum Tod begleitet. "Wir waren froh, dass wir nicht allein waren", sagt Reinhold. Freundschaft ist ein großes Wort. Sie zu leben nicht immer leicht.

Sie sind vier. Martin, Ute, Magdalena und Gottfried. Freunde, die in den Siebzigerjahren jung waren und sich gemeinsam in einer Kommune fanden. Sie wollten die Welt verändern und, als Anfang, erst einmal sich selbst. Sie landeten in Otto Muehls reichianisch inspirierter Gruppe in Österreich, probten Urschrei wie Selbstdarstellung und gruben nach dem Künstler in sich. Sie waren auf der Suche. Lehnten sich gegen Autoritäten auf und unterwarfen sich der Autorität Muehls. Sie sind nicht auf alles stolz, was sie getan haben. Als der selbst ernannte Führer in den Knast musste, drifteten auch die vier auseinander.

Der New Yorker bringt manchmal Beiläufiges zum Thema, die New York Times ebenso - und Metropolenmagazine wie die Berliner Zitty und Tip bringen diese Angst auch immer wieder zur Sprache: dass man in der Großstadt ziemlich allein sein kann, niemand einen kennenlernen will - und manche nach Jahren der Einigelung in der eigenen Zweizimmerwohnung wie reuige Sünder wieder zu den alten Angehörigen in die Provinz zurückgehen.

Der alte Topos, der hinter all diesen Überlieferungen steckt, ist der: Die Stadt lockt mit ihren Lichtern, mit ihren Sounds, mit ihrem Klang von Geschäftigkeit und Zerstreuung, in Wahrheit jedoch sei sie nur eine Mogelei, denn sie stifte Vereinzelung, lasse in all ihrer Flüchtigkeit keine Bindungen entstehen, Freundschaft wachse nicht, sondern verderbe. Die Kulturkritik vermutet hinter diesen ja nicht ganz falsch diagnostizierten Fällen die Krankheit der Entfremdung, ja sogar den sozialen Krebs der Bindungsunfähigkeit und Oberflächlichkeit. Kein Wunder, dass gerade New Yorker Medien diese Nöte thematisieren: Wer, in Manhattan, Brooklyn oder Queens wohnend, selbst nichts tut, um sich jenseits der eigenen Herkunft neu zu erfinden, bleibt tatsächlich ungebunden. Gleiches gilt für Berlin: Das Jerusalem der modernen Caffé-Latte-Lebensart - die Feuerstätte der Coolness. Dennoch verlassen Jahr für Jahr eben Zugezogene die Hauptstadt wieder. Keinen Anschluss gefunden, kein Netzwerk etabliert: Das ist enttäuschend. Kühl betrachtet, verbergen sich hinter allen Einsamkeitsschicksalen keine Besonderheiten, die als Infektion in einer Metropole, fern der Blutsverwandtschaft auftreten. Sie sind vielmehr ein Phänomen, das der Moderne überhaupt eingewoben ist: Wer sich individualisiert, begeht die erste Sünde gegen die eigene Herkunftsfamilie und gegen das Milieu, aus dem er oder sie stammt. Das nennen Kulturwissenschaftler den Preis der Selbstverwirklichung: Sie trägt das Etikett der Entfremdung. Entfremdung muss also gelobt werden: Geh hinaus in die Freiheit, lös dich von den Zwängen deiner Familie, und wenn du weiter mit ihr zu tun haben willst, mach es zu deinen Bedingungen. In der Freiheit aber muss jeder selbst finden, was zunächst oft gar nicht gesucht wird. Freiheit in dem Sinne, wie sie der Philosoph Martin Seel vorschlägt, meint ein Gut, das zwei Temperaturen kennt: heiß, wenn sie Gutes bringt, kalt, wenn einer das Dasein als Einzelner nicht annehmen will. Schaut man sich Kontaktanzeigen in Stadtmagazinen an, erkennt man leicht, dass die Großstadt jede Möglichkeit bietet, die man nur nutzen muss, um dem Alleinsein zu fliehen. Freizeitklubs, Hobbyvereine, Singletreffs - von Briefmarkenklubs bis zu Engtanzpartys ist alles dabei. Man darf nur nicht darauf warten, dass einem etwas widerfährt, man muss schon selbst etwas tun. Anders als in der Provinz gibt es in den entfremdeten Ballungsräumen mehr als nur den Kirchgang, den Eltern- und den Grillabend der freiwilligen Feuerwehr. Wer solch überschaubaren Freizeitangebote schätzt, außerdem nie den Drang empfand, der Stubenluft der eigenen Eltern zu fliehen, bleibt dem Downtown-Gefühl fern und darf sich frei von Entfremdung wähnen. Ein tragischer Irrtum: Einsam im Kreis der Urfamilie zu sein, ist nämlich schlimmer als sonst wo! JAF

Doch das Interesse an Kunst, Literatur und Politik blieb ein verbindendes Element. Und Werte wie Solidarität, Menschlichkeit und Freundschaft. Sie verloren sich nicht aus den Augen. Heute leben sie in München, sie alle arbeiten in derselben Firma, einer Beratungsfirma, Finanzierung und Versicherung. Martin, Ute, Magdalena und Gottfried. Reinhold kam erst später dazu. Er teilte die Kommuneerfahrung nicht, aber er hatte die gleichen Ideale. Auch er wollte die Welt gerechter machen, ein bisschen wärmer und freundlicher. Als Gottfried, der gemeinsame Freund, krank wurde, haben sie nicht lange diskutiert. Sie haben einfach getan, was getan werden musste.

Und sie waren froh, dass sie vier waren. Froh, weil man sich gegenseitig aufmuntern kann, wenn dann mal alles zu viel wird. Froh, mal eine Pause einlegen zu können, wenn die manchmal wortlosen Besuche im Krankenhaus zu sehr unter die Haut gingen, vor allem gegen Ende, als der körperliche und geistige Zerfall den Freund zu einem Fremden machte. "Danach hab ich oft geweint", sagt Reinhold.

Reinhold, der Sensible. Der Diskussionspartner. Der Philosophenfreund. Oft haben sich die beiden Männer gegenseitig ihre Romanentwürfe vorgelesen, haben sich darüber die Köpfe heißgeredet, geraucht, getrunken. Reinhold und Gottfried - sie tauchten immer gemeinsam auf, in intensivste Gespräche vertieft, und bald wurden sie von allen nur noch das doppelte Lottchen genannt. "Wo ist Gottfried?", fragten die Kollegen, wenn Reinhold mal allein zum gemeinsamen Mittagessen kam. "Wo ist Reinhold?", fragte die Bedienung in ihrer Stammkneipe Patara, wenn Gottfried sein Bier ausnahmsweise allein trank. Sie wohnten in derselben Straße. Wenn Reinhold aus dem Fenster blickte, sah er den Freund oft zur Haustür herauskommen, immer ein wenig abwesend, den Kopf in anderen Welten. Manchmal sieht Reinhold heute noch hinaus, aus Gewohnheit. Es ist ein Blick ins Leere.

Das Patara war ihr Salon, die türkische Kneipe um die Ecke, in der die Freunde so bekannt waren, dass selbst der neurotische kleine Hund nicht bellte und die Tochter des Hauses ohne große Worte die Pils auf den Tisch stellte, wenn sie die Freunde nahen sah. "Gehts ihm besser?" fragte Selma, die türkische Wirtin, Reinhold immer wieder, voll Hoffnung auf etwas, von dem alle wussten, dass es nicht geschehen würde. Der Tumor war bösartig. Er gab dem Freund keine Chance. Reinhold zuckte nur hilflos die Schultern. "Er hat heute nicht mit mir geredet", antwortete er. Ihn traf Gottfrieds Krankheit besonders hart. Ihm fehlte der intellektuelle Sparringpartner. Der Tumor hatte die Lust am Diskurs irgendwo in die hinterste Ecke von Gottfrieds Gehirn gedrängt. Reinhold trauerte um den verlorenen Freund, lange bevor der Tumor ihn besiegt hatte.

Der Tumor. Der Krebs. Er hat sich exakt an den Fahrplan gehalten, ein Krankheitsverlauf wie aus dem Medizinbuch. Von der Diagnose bis zu Gottfrieds Tod dauerte es ein Jahr. Nach der ersten Operation im Oktober 2005 ging es dem Freund besser. Sie besuchten ihn erst im Krankenhaus, dann zu Hause. Sie putzten, wuschen und halfen ihm beim Einkauf. Sie nahmen Kontakt zu seiner Schwester Gisela auf, brauchten Vollmachten, weil Freunde keine Rechte haben. Es waren Rechnungen zu bezahlen, Mieten zu überweisen. Es war nur eine kurze Atempause. Dann fing der Tumor wieder zu wuchern an. Nach einem halben Jahr die zweite Operation. Später der letzte Urlaub. Doch davor hat Gottfried noch einmal aus seinen unveröffentlichten Werken gelesen. Bei einer Vernissage von Martin.

Martin, der Künstler mit den tanzenden Waschmaschinen. Der das Absurde liebt und den Schalk in den Augen hat. Der Gottfried immer wieder zum Lachen gebracht hat, auch dann, als es immer weniger Grund gab. Martin, der so viel gelesen hat über Gehirntumoren, dass er weiß, dem Freund bleibt nicht mehr viel Zeit. "Ich will, dass er Teil meiner Vernissage ist", sagte Martin, "und er soll mehr sein als ein Gast." Und so saß Gottfried an einem sonnigen Sommertag im Haus der Künstlervereinigung Dachau und las seine philosophischen Texte zwischen Realität und Fiktion inmitten der verspielten Wasserinstallationen des Freundes.

Bäche plätscherten, brachten Fahnen zum Rotieren und Ratschen zum Knattern. Auf Seen zogen kleine Flöße mit Männer- und Frauenschuhen ihre Kreise, berührten sich, stießen sich gegenseitig ab, fanden mal eigene, mal gemeinsame Wege. Martin machte Fotos von dem vorlesenden Freund, filmte, machte wieder Fotos. Atemlos, fast besessen. "Ich konserviere Erinnerungen", sagte er. Es war, als ob er damit das Unvermeidliche aufschieben wollte. Die Operationsnarbe am Kopf leuchtete, wenn Gottfried von seinem Text aufblickte. Er lächelte und schien glücklich, ja selbst darüber erstaunt. Gottfried tat sich nie leicht mit dem Glück.

Es sind diese Situationen, die in Erinnerung bleiben. Augenblicke, die die Freunde bewahren wie einen Schatz, für sich und für den Freund. Doch manchmal ist alles viel banaler, alltäglicher, fast beiläufig. Freundschaft besteht nicht nur aus großen Gesten. Es sind oft die scheinbar unspektakulären Momente, die viel bedeuten.

Ute, die Ruhige. Die Zurückhaltende. Die Konsequente. Sie hat Gottfried zum Arzt gebracht, als er immer seltsamer wurde, mit sanftem Druck und ohne viel Aufhebens. Sie hat den Kontakt zur Schwester gesucht, um sie einzubeziehen in die Pflege, sie hat versucht, die alten und die neuen sozialen Kontakte zu vereinen. Unversehens waren die Freunde zu einer Art Wahlfamilie geworden, ausgerechnet sie, die Familie als kleinbürgerlich abgelehnt hatten. Ute war einfach da, mit ihrer guten Laune, ihrer praktischen Art. Hat Gottfried umgeben wie ein warmer Mantel. "Lass mich noch einmal in deinem Lachen baden", hat er ihr an einem dieser Abende gesagt, als ihre Unkompliziertheit den komplizierten Kranken für einen Augenblick unbeschwert machte.

Es war ein langer Abschied. Es gibt viele Dinge, die man zum letzten Mal tut, wenn man todkrank ist. Gottfrieds letzter Urlaub führte nach Kroatien. Es war zwei Monate nach der zweiten Operation, er war pflegebedürftig wie ein kleines Kind. Das hat Magdalena nicht abgeschreckt. Magdalena, die ihm einen Urlaub versprochen hatte. Die beruflich so eingespannt war, dass sie im Alltag nicht so viel helfen konnte wie die anderen. Magdalena, die Resolute und Unerschrockene mit ihrer deftigen Deutlichkeit.

Sie hat geduldig gewartet, wenn er im Restaurant eine Stunde brauchte, um sich zu entscheiden: "Da hatte ich längst fertig gegessen." Sie hat ein Schild aufgehängt, als der ruhelose Freund nachts anfing, die Badarmaturen im Hotel zu polieren, die Zähne zu putzen oder den Boden zu wischen: "Heute ist das Wasser von 19 bis 6 Uhr abgestellt. Ihre Stadtverwaltung." Und Gottfried, der sich ein Leben lang gegen Autoritäten aufgelehnt hatte, befolgte die behördlich klingende Anordnung wie ein braver Untertan und legte sich wieder ins Bett.

Magdalena hat ihn ein letztes Mal ins Wasser gelockt, ihn am Bauch gehalten, damit er beim Schwimmen nicht unterging. Sie hat ihm zugeschaut, wie er im Sand saß und den Mädchen nachsah, dürr und so gezeichnet, dass der Pensionswirt bei ihrer Ankunft entsetzt fragte: "Und was ist, wenn er hier stirbt?" - "Wo, ist doch egal", hat sie da in ihrer bayerischen Bestimmtheit geantwortet, "sterben muss er sowieso." Unerschrocken ist sie mit ihm bei der Ankunft auf der Insel untergehakt zum Hotel gelaufen, Gottfried hatte es nicht mehr auf die Toilette geschafft und war ganz "vollgebrunzt", wie Magdalena unbeschönigend erzählt. Sie hat ihm mit ihrem geraden Kreuz und ihrem unerschrockenen Blick, an dem das wohlige Entsetzen der Neugierigen abprallte, den Rücken gestärkt. Gottfried, der Kopfmensch, war am Ende seines Lebens reduziert auf seine Körperlichkeit.

Sein Leben lang hat er über den Sinn des Lebens nachgedacht, immer auf der Suche nach dem Glück. Physik und Mathematik hatte er studiert. Die Zahlen haben ihn fasziniert, aber sie haben seine existenziellen Fragen nicht beantwortet. Also Philosophie und Soziologie in Berlin. Aber das schuf am Ende mehr neue Fragen als Antworten. Er bricht das Studium ab, es folgen Depressionen, Suizidversuche. Er verzichtete darauf, nach Australien zu gehen, Karriere zu machen und über Kernfusion zu promovieren. Die Antwort auf seine Fragen wollte er in der Kommune des Otto Muehl finden. Gefunden hat er zumindest Freunde, die den schwierigen Menschen nicht abschrieben, auch nicht, als er krank wurde.

Später finden diese Freunde in seinem Computer eine biografische Notiz von erschreckender Kargheit. Es sind nur sieben kurze Sätze in eigener Sache unter der Überschrift: "Einige Eigenschaften und Fährnisse von Gottfried Wanner": "Er lebt als Angestellter in München. / Er wurde 1944 in Zittau geboren und wuchs in Süddeutschland auf. / Er studierte Physik in Darmstadt und Berlin. / Er liebte das Klare ebenso wie das Verrückte. / Er konnte sich dennoch nicht für eine Berufsperspektive als Physiker entschieden. / Er wäre gerne Pataphysiker geworden. / Er liest oft und schreibt manchmal."

Es ist eine dürre, glasklare und schonungslose Selbsteinschätzung. Immer hat er sich zwischen Realität und Fiktion bewegt, mit seiner Lust an Irrwitz und Paradoxen wäre er gerne ein Pataphysiker geworden. Stattdessen war er Buchhalter.

Sein Leben lang hat Gottfried gegrübelt, gebohrt, diskutiert. Doch über die letzten Dinge wollte er nicht mehr reden. Er nahm den Tod hin wie schlechtes Wetter, mit gänzlich undramatischer Resignation: Warum über etwas reden, was man nicht ändern kann? Und er verkapselte die Angst in seinem Inneren. "Wenn ein Platz frei wird, gehst du ins Hospiz", erklärte ihm Martin bei einem seiner Besuche in der Münchner Palliativstation. Der Todkranke nickte abweisend. "Weißt du, was das ist, ein Hospiz?", fragte Martin. Gottfried schaute weg. Nickte wieder. "Willst du darüber reden?", fragte der Freund und wusste doch schon die Antwort, die klar kam und ohne ein Zögern: "Nein." Martin hat es akzeptiert wie alle Freunde.

Manchmal waren sie auch erleichtert. Was will man jemandem erzählen, der noch nie an ein Leben nach dem Tod geglaubt hat? Wie über die große Dunkelheit und Einsamkeit reden, die jeder Mensch spürt, wenn es zu Ende geht? Sie haben ihn eingebettet in ihre Zuneigung, haben mit ihm gelacht, ihm Gedichte vorgelesen, gemeinsam ferngesehen. Die Fähigkeit zum Glück gehörte nie zu Gottfrieds Stärken. Am Ende hat er doch noch Glück gehabt.

Auslaufmodell Freundschaft, orakelte das Hamburger Trendbüro kürzlich. Was letztlich zähle, sei die Familie, behaupten Konservative. Für Gottfried waren das nur Worte. Er fühlte sich aufgefangen in einem Netz von Freundschaft, Zuneigung und Liebe. Er merkte selbst, dass der Tumor seine Realität veränderte, dass ihm der Alltag wegrutschte, die Normalität auf einer schiefen Ebene nach unten rutschte, erst langsam, dann immer schneller. Der Kranke hat akzeptiert, dass die Freunde ihm halfen, sich in der Welt zurechtzufinden, die ihm immer fremder wurde und in der er sich immer wunderlicher fühlte. Es ist nicht immer leicht, Hilfe anzunehmen.

Auch Gisela hat es akzeptiert. Gisela, die kleine Schwester. Die Psychotherapeutin in Hildesheim. Die 57-Jährige wusste den großen Bruder in guten Händen, vertraute den Freunden, kam, sooft es ging, zu Besuch. Der Bruder war ihr Vorbild gewesen in den politisch turbulenten Siebzigern, als sie jung waren. Er hat ihr Flugblätter geschickt, um sie zu agitieren, und sie an seinen Erkenntnissen teilhaben lassen. Irgendwann haben sie sich auseinandergelebt. Weil er sich an der Familie abarbeiten musste und die geliebte Schwester ein Teil davon war. Weil er sich selbst finden wollte und die kleinbürgerliche Vergangenheit dabei störte.

Sie gehörten zu einer experimentierfreudigen Generation, Gottfried und seine Freunde. Als Jugendliche verließen sie ihre Familien auf der Suche nach dem großen Gegenentwurf und fanden meist nur Bruchstücke vom Glück. Martin, der zwei Töchter hat, die auf Mallorca leben und in Bonn, die in allen Ferien ihren Vater besuchen, der sie vergöttert und den sie lieben, nicht nur weil er immer so wunderbare Einfälle hat. Magdalena, die inzwischen bei ihren Eltern auf dem Land wohnt, im schönen, alten Bauernhaus zwischen Wiesen und Wäldern. Reinhold, der auch keine Familie gegründet hat, aber schon lange mit Freundin und seinen Büchern zusammenlebt. Ute, die erst vor kurzem den Mann getroffen hat, mit dem sie gerne alt werden möchte. Gottfried, der ein Leben lang nach der Frau fürs Leben suchte und sie doch nie fand. Weil er zu scheu war, zu verkopft und weil eher Zweifel als Zuversicht sein Leben bestimmten. Es war die Tragik seines Lebens.

Diego war Teil seiner selbst gewählten Familie. Als Gottfried von einer Freundin zum Paten ihres Sohns gemacht wurde, entwickelte der Intellektuelle ungeahnte Seiten. Er schrieb dem kleinen Mann hinreißende Briefe, die zuerst die Mutter vorlesen musste und der Junge, der schnell lesen lernte, dann bald selbst entziffern konnte. Etwa den Geburtstagstango zum fünften Geburtstag, in dem Gottfried Mäuse mit roten Socken so lange tanzen lässt, bis am Schluss Diego dasteht - Schwitters lässt grüßen.

Oder seine Frage, ob er überhaupt einen Magen hat, schließlich hat er ihn noch nie gesehen. "Vielleicht fällt alles, was ich esse, durch meinen Hals in einen großen Sack, und dort sitzt ein Meerschweinchen und kaut alles noch mal durch. Und dann macht es aus den Resten verschieden große Würste, die es hinten hinausschiebt." Diego hat gelacht über die abstrus fantasievollen Berichte aus München, hat die Briefe alle in eine Schublade gepackt und gehütet wie einen Schatz.

Gisela, die Schwester, lernte diese andere Seite des Bruders und seine Freunde ganz allmählich kennen. In den letzten Jahren hatten der Bruder und sie sich wieder einander angenähert, doch sie wusste: "Die Freunde waren seine Wahlfamilie." Dennoch war es Gisela, die bei Gottfried war, als er im Hospiz starb, in der letzten Phase, als es plötzlich ganz schnell ging. Zufall oder Bestimmung - wer weiß das schon? Sie hat die Freunde angerufen, und wenig später haben sie gemeinsam von dem Toten Abschied genommen.

Am gleichen Abend noch saßen sie im Patara, hier, wo Gottfried immer gesessen hat. Es wurde ein Abschiedsfest zwischen Weinen, Lachen und Organisieren. Es musste überlegt werden, wer auf der Beerdigung spricht, welcher seiner Freunde den Grabstein gestaltet, welcher die Musik macht. Sie lachten, als Martin erzählte, wie er Gottfried bei einem Besuch auf der Palliativstation einmal vorschlug, ihm eine seiner eigenen Kurzgeschichten vorzulesen. "Das wäre dann interne Inkarnation", sagte Gottfried daraufhin ernst und verschmitzt zugleich. Sie weinten und erzählten sich mehr von dem toten Freund.

Da fragte Gisela plötzlich: "Was passiert, wenn wir uns keine neuen Geschichten von Gottfried mehr erzählen können?" - "Dann werden wir ihn vermissen", antwortete Magdalena.

SUSANNE STIEFEL, Jahrgang 1957, Chefreporterin bei der Wochenzeitung Sonntag Aktuell, lebt in Stuttgart. In ihrem Buch "Lebenskünstlerinnen unter sich" (Rowohlt Taschenbuch 1999) hat sie sich mit Freundschaft, Alter und der Kunst des Überlebens beschäftigt

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