Wahlkampagne der AfD: Leider gut

Die AfD verschleiert in Spots und auf Plakaten gekonnt ihre Radikalität. Die anderen Parteien können mit solch raffinierter Werbung nicht mithalten.

Ein Gartenzwerg steht in einem Garten

Screenshot AfD-Wahlwerbung: Sachsen-Anhalt. Aber normal Foto: AfD/YouTube

Ein Mann (klar, keine Frau) steht morgens früh auf. Gattin und Kind schlafen noch. Der Ernährer der Familie fährt im Mittelklassewagen durch das noch dunkle Berlin zur Arbeit. Er schaut, eher melancholisch als wütend, auf einen kleinen Müllhaufen am Straßenrand, sieht auf leer stehende kleine Geschäfte und einen Lieferdienstwagen mit amazonartigem Logo. Wir sollen denken: wie ungerecht.

Der Mann mit dem Allerweltsgesicht, dem Allerweltsnamen (Schmidt) und -job (Industriemechaniker) tut normale Dinge. „Normal klingt langweilig für Experten im Fernsehen“, hört man aus dem Off. Recht geschickt träufelt der Spot in die Alltagsszene politische Botschaften, eher dezent als krachend eingestreute Ressentiments gegen die Regierung (will nur unser Geld), Experten (haben keine Ahnung vom Leben) und durch ein Wettcasino mit Protzauto geschickt angedeutete Ausländerkriminalität.

Dieser TV-Spot der AfD ist so raffiniert und gekonnt wie der Slogan der Rechtsautoritären: „Deutschland, aber normal“. Der spielt mit einem Doppelsinn: der kollektiven Sehnsucht, dass wir nach dem Lockdown zu Normalität und Freiheit zurückkehren und einem Begriff des Normalen, der am Ressentiment siedelt und sortiert, was zu uns gehört und was nicht. Die AfD-Werbung unterlegt fast elegant Alltagsperspektiven mit rechten Sounds und Deutungen.

Auch die AfD-Straßenplakate sind recht pfiffig. „Lokal statt global“ formuliert einen Heimatbegriff, der auch an grüne und technikkritische Stimmungen anschlussfähig ist. „Tempolimit für grüne Verbote“ ist zwar kein besonders hintergründiger Gag, aber in einem ansonsten wortspielarmen Wahlkampf fast konkurrenzlos.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ein Meinungsforschungsinstitut hat, bevor der Wahlkampf begonnen hatte, ein paar Dutzend Testpersonen AfD-Plakatmotive ohne Logo präsentiert. Die meisten ordneten die Plakate der Union zu – und waren anschließend entsetzt über ihren Irrtum. Das ist ein Erfolg für die AfD-Kampagnenmacher. Diese Kampagne ist leider gut.

Wenn man nur diese Spots und Plakate sieht, könnte man für einen Moment vergessen, dass die AfD sich in der Schmuddelecke von finsterem Rassismus, Hatespeech und bösartigem Rechtsradikalismus selbst häuslich eingerichtet hat.

Das Gegenteil des AfD-Spots stammt von der Linkspartei. Es ist ein Stakkato von Schwarz-Weiß-Bildern und eingeblendeter Schrift, ein irrwitziger Wirbel von Off-Kommentarbotschaften und rasender Bilderflut. Die ästhetische Doktrin dieses Spots ist die Reizüberflutung.

Wer sich noch nicht von der globalen Ungerechtigkeit, von Klimawandel, Mietenexplosion und überhaupt den Anstrengungen des Alltags überfordert fühlte – nach diesem Spot geht es ihm anders. Der Refrain dieses Spots lautet: „Wir brauchen dich.“ Sollte Werbung mir nicht besser etwas anbieten, anstatt etwas zu fordern?

Von Ernst Bloch stammt der Aphorismus „Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen.“ Wenn wir den Irrtum, dass Kommunisten einen besonderen Zugang zur Wahrheit haben, streichen, trifft diese Beobachtung auch Jahrzehnte später noch zu. Erstaunlich. Erschreckend.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bei wieviel Prozent liegen die Parteien? Wer hat welche Wahlkreise geholt?

▶ Alle Zahlen auf einen Blick

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben