WDR-Doku „Der Kinderpsychiater“: Ausgeliefert an den Arzt
Dutzende Kinder soll der Psychiater Michael Winterhoff fehlbehandelt haben. Der WDR deckt auf.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Kind. Ihre Mutter wird krank und auf Empfehlung des Jugendamtes steckt man Sie in ein renommiertes Kinderheim. Da bekommen Sie dann Neuroleptika, das sind starke Beruhigungsmittel. Schlimme Begleiterscheinungen sind die Folge: Zucken, Augenrollen, ständige Müdigkeit, Emotionslosigkeit.
Um die Nebenwirkungen zu bekämpfen, dröhnt man Sie weiter zu – mit Parkinson- oder Schizophreniemedikamenten. Und das über Jahre hinweg. Mutmaßlich ist genau das Dutzenden Kindern in Deutschland passiert.
Eine WDR-Dokumentation hat bereits im Jahr 2021 aufgedeckt, wer dieses System etabliert hat. Nun erscheint die Fortsetzung der Geschichte über den Kinderpsychiater Michael Winterhoff. Denn am 12. Februar hat der Prozess im Bonner Landgericht begonnen, bei dem Winterhoff in 36 Fällen wegen gefährlicher Körperverletzung an Minderjährigen angeklagt ist.
„Der Kinderpsychiater – Die Macht des Dr. Winterhoff“
drei Folgen in der ARD-Mediathek
Wie in einer Massenabfertigung, so die WDR-Doku, habe Winterhoff Kindern die immer gleiche Diagnose „frühkindlicher Narzissmus“ gestellt, sie dann in die Heime gegeben, mit denen er zusammenarbeitete, und so an den eigentlich gesunden Kindern Geld verdient. Bis zu 8.000 Euro kostete ein Heimplatz pro Monat pro Kind, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter dem WDR.
Ein Medienliebling
Bekannt wurde Winterhoff mit seinem Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, das von einem Ghostwriter verfasst wurde. Mit dem Buch kam die Aufmerksamkeit. Mehrere hunderttausendmal wurde das Buch verkauft und hielt sich lange auf Bestsellerlisten. Bei Leuten vom Fach, also anderen Kinderpsychiater_innen, war es dagegen unbeliebt und galt als Humbug.
Dank seiner kontroversen bis kinderfeindlichen Thesen wurde Winterhoff bereitwillig von Talkshow zu Talkshow gereicht. Von Maischberger über Lanz und Jauch bis zu Will und Beckmann lud man den vermeintlichen Experten ein. Weil er Einschaltquoten brachte.
Nicht nur die Medien versagten, auch Instanzen, denen Schutzbedürftige vertrauen können sollten. Dank der WDR-Recherche kommt nun immer mehr Licht ins Dunkle.
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