Sanssouci: Vorschlag
■ Jahreswechsel II
Sylvester traf ich nach langen Jahren meine alte Freundin Y wieder. Den ganzen Abend über saß sie stumm auf meinem blauen Sofa herum. Erst gegen Mitternacht begann der reichlich geflossene Champagner ihre Zunge ein wenig zu lösen. Und als das neue Jahr knappe zwanzig Minuten zählte und die Sylversterknallerei noch immer in vollem Gange war, ergoß sich ein Wortschwall über mich: „Du weißt ja gar nicht, wie mir den ganzen Tag zumute war. Ich mußte immer an Sylvester 89 denken, das ich zwischen Menschenmassen eingekeilt am Potsdamer Platz verbrachte. Du denkst jetzt sicher: so ein alter Hut! Doch schon damals war ich von der Angst gepackt, daß ich die Zeit, die seit dem 9. November an mir vorbeigerast war, nie wieder würde einholen können – ja, daß ich niemals wieder wirklich in der Gegenwart leben würde, sondern in einer Zeit, die mit diesem letzten Tag des Jahres 1989 endgültig vergangen war. Du lachst? Für die Frau von nicht mal dreißig Jahren, die ich damals war, eine ziemlich erdrückende Perspektive. Ein ungeheurer Eifer erfaßte bald die Leute, die neue Zeit nun schnellstens in Besitz zu nehmen. Im Frühjahr las man beispielsweise plötzlich wieder Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. So als gälte es, mit Hilfe der Fiktion die Wirklichkeit zurückzugewinnen. Nur eben mir erschloß sich diese Wirklichkeit nicht mehr. Da halfen auch die vielen Fahrten in Gegenden, die plötzlich „Umland“ hießen, nichts ...“
(An dieser Stelle fing die Freundin dann zu weinen an. Sie redete noch viel, doch ich verstand sehr wenig. Dann endlich faßte sie sich wieder.) „So richtig kann ich eigentlich auch nicht erklären, was in den letzten fünf Jahren mit mir geschehen ist. Doch die Angst der Sylvesternacht des Jahres 89 war sehr berechtigt, und die Gegenwart, die bis dahin immer zu mir gesprochen hatte, blieb nun für immer stumm. Vom Baum der Zeit war ich abgefallen wie eine überreife Frucht und faule seitdem da unten auf der Erde vor mich hin.“ Esther Slevogt
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen