■ Vorschlag: Atem der Steine: Kornetzky und Poss in der Galerie Kyra Maralt
Die Arbeiten von Marlies Poss und Brigitte-Uttar Kornetzky, die in der Galerie Kyra Maralt zu sehen sind, unterscheiden sich an einem sensiblen Punkt. Während Poss – hier wird ihre Ausbildung zur Produktdesignerin spürbar – immer vom Thema her denkt und dann nach geeignetem Material sucht, ranken sich die Arbeiten von Brigitte-Uttar Kornetzky wie Legenden um das bildhauerische Material schlechthin: um den Stein. Kornetzky scheint das Schwere zu heben und das Harte zu umwerben: So kleidet sie einen Schieferbrocken samtig neu ein, indem sie ihn mit Yves Kleins ultramarinem Blau bestäubt. Oder sie baut dem Stein eine Gußform und verschwistert ihn an einer Seite mit einem Brocken Epoxydharz. Mit seiner Hilfe scheint auch das Undurchdringliche diaphan zu werden.
Es ist das eine, die Steine zum Sprechen zu bringen, das andere, selbst zu den Steinen zu sprechen. In einer Zeit, in der man mit „o.T.“ signiert, überschlägt sich Kornetzky mit verspielten Kommentaren zu ihren Arbeiten. Ihre Titel perpetuieren das ewige Gemurmel des mit Foucault begonnenen Diskurses. Eines Diskurses, der uns lehrt, daß noch nicht einmal ein Stein mit Sicherheit Stein genannt werden kann, wenn man unsere Art der Etikettierung nicht schon als wirksam voraussetzt.
Während Kornetzky kristallin mit Zeit operiert, arbeitet Marlies Poss an Anordnungen beschleunigter Vergänglichkeit. Poss interessiert sich für die Mechanik der Alleszermahlerin Zeit und zeigt deren dekompositorische Kraft an der schrittweisen Zurichtung von Körpern. So scheitern ziemlich bald die Wiederbeatmungsversuche ihrer lebensgroßen, an Schläuche angeschlossenen Flachs-Pferde. Ihre schlaffen Körper sind mit alten Balken beschwert, vielleicht eine Anspielung auf Bruce Naumans makabre Tierkarussells. Aufgezäumt in Vitrinen, hängen drei Pferde ausgeweidet, entfärbt wie prähistorische Tierfelle schließlich unter der Jugendstildecke.
Über Lautsprecher hört man die atemlose Stimme von Elfriede Jelinek, während sich ein Kompressor lautstark an unserer Atemluft zu schaffen macht, um die Pferdekörper aufzupumpen. Das also ist aus dem göttlichen Odem geworden, der einst jeder Kreatur Seele einhauchen sollte: leblose Tier-Dummys, Kunstkadaver, aus denen die eingeflößte Luft über kleine Sabotagelöcher am Ende der Schläuche entweicht, sobald sich das letzte wirkliche Lebewesen aus dem Sucher des Bewegungsmelders davongestohlen hat. Mirjam Schaub
Bis 21.6., Di.–Fr. 13–19, Sa. 12–16 Uhr, in der Galerie Kyra Maralt, Leibnizstr. 60, 10629 Berlin
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