Vor der Kommunalwahl: Boomende Schlafstadt

Falkensee vor der Kommunalwahl: Der Ort wächst und wächst. Alte und Neue arrangieren sich miteinander. Oder gehen sich aus dem Weg

Wenn Heiko Müller über Falkensee spricht, hat er ein Staunen in der Stimme. Er ist in dem Ort groß geworden. Aber er redet darüber, als wäre Falkensee ein seltenes Lebewesen, das sich hier dehnt, dort weitet. Je größer dieses dynamische Etwas wird, desto größer werden seine Bedürfnisse. Es schreit nach Futter. Und er, der Bürgermeister, muss sich darum kümmern. Eine Herausforderung.

Tatsächlich ist der Ort an der Grenze zu Spandau ein Phänomen. Viele Gegenden Brandenburgs leiden unter Abwanderung. In Falkensee nimmt die Einwohnerzahl zu: Die Bevölkerung hat sich in 15 Jahren verdoppelt. Inzwischen leben rund 40.000 Menschen hier.

Man sieht das im Stadtbild: Zwischen alten Gebäuden stehen neue Einfamilienhäuser, verputzt oder aus Klinker. Schmale Reihenhäuser wurden aus dem Boden gestampft. Manche wirken nackt, Büsche und Bäume müssen noch wachsen. "Wir sind die schönste Bauausstellung für Eigenheime in Deutschland", sagt Hiltrud Müller, die für die Märkische Allgemeine (MAZ) über Falkensee berichtet.

Viele Westberliner sind nach der Wende zugezogen. Auch zahlreiche Westdeutsche leben in der Schlafstadt. Zum Beispiel Beamte, die mit der Regierung nach Berlin kamen. Sie arbeiten im Zentrum, aber wohnen im Grünen. Wenn das Wetter gut ist, parken tagsüber hunderte Fahrräder am Bahnhof.

Seit einem Jahr ist der Sozialdemokrat Heiko Müller Bürgermeister. Der Mann mit dem jungenhaften Gesicht gibt offen zu, dass die Stadt der Entwicklung teilweise hinterher läuft. "Von den 270 Kilometern Straße in Falkensee sind 100 noch unausgebaut", sagt er. Wenn es regne, stehe der Schlamm zentimeterhoch. Zur Kommunalwahl am 28. September hat die CDU Plakate an die Laternen gehängt. "Schluss mit Staub- und Buckelpisten" steht darauf.

Aber es gibt Dringenderes zu tun. Die Bildung ist so ein Thema. Die vielen Neubewohner bringen viele neue Kinder mit. Das einzige Gymnasium hat so etwas wie einen Numerus Clausus eingeführt: Nur wer gute Noten vorweise, werde genommen, beschwert sich ein Vater. Bürgermeister Müller sagt, sie seien dabei, ein weiteres Gymnasium einzurichten und die übrigen Schulen zu erweitern.

Er sagt auch, er gebe sich Mühe, den vielen Ansprüchen gerecht zu werden. "Aber ich kann nicht alles auf einmal machen: Schulen bauen, Sportstätten einrichten, Straßen renovieren." Das Geld sei nicht da. Er habe schon jetzt den Kreditrahmen ausgeschöpft. Und die Einnahmen aus der Steuer kämen erst mit zwei Jahren Verzögerung in der Stadtkasse an.

Anderthalb Jahrzehnte Wachstum - für die alten Bewohner Falkensees müssen die Veränderungen heftig sein. Tatsächlich gab es anfangs böses Blut, wegen der vielen Grundstücke, welche die Alteigentümer aus dem Westen zurückforderten. "Man schätzt, dass die Hälfte der Bevölkerung die Stadt verlassen musste", sagt Hiltrud Müller. Das sei aber schon lange her, der Ärger habe sich "verwachsen".

Wer mit Zugezogenen und Alteingesessenen spricht, bekommt den Eindruck: Sie arrangieren sich. Die Leiterin des Heimatmuseums Gabriele Helbig glaubt, dass das auch an der Geschichte des Ortes liegt. "Falkensee definiert sich seit über 100 Jahren über den Zuzug." Schon damals siedelten die Berliner draußen im Grünen, aber arbeiteten in der Stadt. Die Großeltern von Heiko Müller gehörten zu ihnen. "Falkensee kann man nur als Vorort von Berlin erklären", sagt er.

Vielleicht kommen alte und neue Bürger auch deshalb miteinander aus, weil sie sich gar nicht oft über den Weg laufen? "Viele ziehen sich stark auf ihre Scholle zurück, genießen den Garten und den Feierabend", sagt Andreas Kind. Der Augenarzt ist 1994 mit Frau und Kind aus Charlottenburg nach Falkensee gekommen, er arbeitet in einer Praxis im Ort. Es gebe jedoch auch andere Zugezogene, die sich in Vereinen engagierten.

Die Neuen verändern die politischen Gleichgewichte in Falkensee. Lange hatte die SPD die Oberhand. Doch seit der letzten Kommunalwahl 2003 muss der direkt gewählte SPD-Bürgermeister gegen eine schwarz-grüne Zählgemeinschaft in der Stadtverordnetenversammlung regieren, berichtet Stefan Kuschel von der MAZ.

Noch immer liegen zahlreiche Grundstücke in Falkensee brach. "Hier bauen wir ihr Traumhaus" versprechen Plakate vor Wiesen voller Unkraut. Glaubt man den Prognosen der Statistiker, dann werden in Falkensee im Jahr 2030 noch einmal rund 10.000 Menschen mehr leben.

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