: Von der Goldgrube zum Konkurrenten
Der Beitritt zur Welthandelsorganisation am 11. Dezember 2001 war zentral für Chinas Aufstieg zur globalen Wirtschaftsmacht.Doch während der Westen vom „Wandel durch Handel“ träumte, setzte Xi Jinping dem bald seinen „chinesischen Traum“ entgegen.Mit freien Märkten und freien Menschen hat der wenig zu tun
Von Sven Hansen
Vor Kurzem liefen in Peking menschenähnliche Roboter um die Wette. Der schnellste, gebaut von einer chinesischen Firma, unterbot bei dem Rennen sogar den menschlichen 100-Meter-Weltrekord. Sagenhafte 0,19 Sekunden war die Maschine schneller als der jamaikanische Sprinter Usain Bolt. Der neue humanoide Rekord und Chinas Dominanz bei der Roboterweltmeisterschaft waren ein Propagandaerfolg. Weltweit berichteten Medien von den rasenden Robotern „Made in China“.
Die chinesische Regierung hatte zuvor die Entwicklung verkörperter künstlicher Intelligenz (KI) als „neue Produktivkräfte“ zur Zukunftsindustrie erklärt. Mit staatlicher Förderung werden nun technologische Abhängigkeiten vom Ausland reduziert, Hardware- und KI-Startups mit Börsenkapital ausgestattet. Umgekehrt verbot Ende Juli die US-Regierung den Import humanoider Roboter aus China – aus Sorge um die nationale Sicherheit.
Das Beispiel Robotik zeigt, dass die Volksrepublik 25 Jahre nach ihrem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) längst nicht mehr nur noch als „Werkstatt der Welt“ diesen Globus mit Billigwaren überschwemmt. Vielmehr macht China westlichen Industrieländern heute auch bei Hightech Konkurrenz.
Ungehinderte Zugänge ...
Jacob Gunter leitet beim Berliner China-Institut Merics das Wirtschafts- und Industrieprogramm. Gunter sagt: „Eine verbreitete Fehleinschätzung in den Industrieländern war 2001, dass China sich zwar öffnen, aber nie wirklich innovativ werden könne, solange es ein Einparteienstaat ist.“ Deshalb habe man im Westen stets geglaubt, die Führung in der Forschung zu behalten. Aus heutiger Sicht ein fataler Fehler.
China hat große Forschungs- und Entwicklungskapazitäten mit dem Ziel der Technologieführerschaft aufgebaut. „Der WTO-Beitritt war für China außerordentlich wichtig,“ sagt Gunter. Er fand wenige Monate statt, nachdem Peking die Olympischen Spiele 2008 zugesprochen bekommen hatte, und sorgte für umfassende Zollsenkungen und damit Chinas ungehinderten Zugang zu Exportmärkten. „Das löste einen Boom aus“, sagt Gunter. Chinas nominales Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs von 1,355 Billionen US-Dollar im Jahr 2001 auf 19,498 Billionen 2025, fast eine Verfünfzehnfachung. 2010 wurde China zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt.
... Profite im Übermaß ...
Jacob Gunter, China-Institut Merics
„Profitiert haben auch westliche Firmen, die in China investierten,“ sagt Gunter. Besonders deutsche, die komplementäre Industrieprodukte wie Maschinen lieferten. „Nutznießer günstiger Konsumartikel aus China waren auch die Verbraucher in den Industrieländern. Dort hielt das die Inflation niedrig.“
In den ersten Jahren nach dem WTO-Beitritt war China „eine Goldgrube“ für die deutsche Industrie, sagt ein Mitarbeiter einer deutschen Wirtschaftsorganisation, der namentlich nicht genannt werden darf. „Wir hatten gute Angebote und haben überproportional vom Chinaboom profitiert.“ Größter Nutznießer sei aber China selbst gewesen: „Definitiv hat dort die breite Bevölkerung profitiert.“ Zwar gebe es noch heute prekäre Arbeitsverhältnisse. Doch 600 Millionen Menschen seien aus der Armut geholt worden. „Davon hat natürlich auch die Partei profitiert,“ sagt der Mann, der seit den 1990er Jahren zu China arbeitet und seitdem Dutzende Austauschprogramme organisiert und begleitet hat. Dabei sei auch eine Schicht Superreicher entstanden, und Parteifunktionäre hätten viel Geld mit dem Verkauf von Landnutzungsrechten gemacht.
Der WTO-Beitritt sei Teil eines Entwicklungspfads für ein liberaleres, moderneres Land gewesen. „Man nenne uns Träumer, aber es gab 2001 die Option, China zu einem Land mit mehr Marktwirtschaft, mehr Bürgerpartizipation und der Hinwendung zu einem System zu entwickeln, wo individueller Reichtum und Rechte des Individuums einen höheren Stellenwert bekommen.“
China würde sich dem Druck zur Liberalisierung auf Dauer nicht entziehen können, glaubte der Wirtschaftsexperte damals. „Doch dann hat Xi Jinping diesem Pfad den Rücken gekehrt und China auf einen Weg gebracht, der ein Primat der Stärkung der Macht der Kommunistischen Partei, ein Zurückdrehen der marktwirtschaftlichen Entwicklung und eine Stärkung der Staatsbetriebe zur Folge hatte.“
Wirtschaftsreformer und Premierminister Zhu Rongji, der den WTO-Beitritt nach 15-jährigen Verhandlungen besiegelt hatte, war längst nicht mehr im Amt, als Xi Jinping 2012 Partei- und 2013 Staatschef wurde. Xi zentralisierte die Macht und wurde so mächtig, wie es seit Mao Tsetung kein chinesischer Führer mehr war. Der von Xi verkündete „chinesische Traum“ erschien zunächst als Kopie des „American Dream“. Doch Xis parteichinesischer Traum meint mitnichten unbegrenzte individuelle Freiheiten, sondern Chinas Rückkehr zu nationaler Größe und globaler Macht. Dem hat sich die Bevölkerung zu fügen, während unter Führung der Partei die Nation wieder zum „Reich der Mitte“ werden soll.
Ausdruck davon ist neben dem Projekt der „Neuen Seidenstraße“, bei dem China durch massive Infrastrukturinvestitionen und -kredite andere Staaten an sich bindet, auch der 2015 verabschiedete Plan „Made in China 2025“. Ziel ist eine führende Hightechnation, die in Zukunftstechnologien die Führung übernimmt. Schwerpunkte sind Informationstechnologie, Robotik, Elektromobilität, Maschinenbau, Luft-, Raumfahrt- und Bahntechnik, Medizin und Pharmaindustrie.
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Zentral ist die stark dominierende Rolle der Staatsbetriebe. China habe eine spezifische Verquickung von Partei, Staat und Wirtschaft, die es chinesischen Firmen erlaube, längerfristig am Markt zu operieren, ohne Gewinne erwirtschaften zu müssen, kritisiert der Wirtschaftsexperte. „Wir waren nicht darauf vorbereitet, dass wir uns mit China einen Partner in unser WTO-System holen, dessen Grundsystem gar nicht zu unserem Regelwerk passt.“ Heute könne der WTO-Beitritt deshalb auch gelesen werden als: „China nutzt die Vorteile der Integration in die Weltwirtschaft, unterläuft aber das internationale Regelwerk durch seine parteigelenkte Staatswirtschaft.“
2019 erklärte der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) in einem China-Grundsatzpapier das Konzept „Wandel durch Handel“ für gescheitert. Stattdessen „entsteht ein Systemwettbewerb“. Beklagt werden Marktverzerrungen und -abschottungen durch staatliche Eingriffe, Streben nach Technologievorherrschaft, Ungleichbehandlung ausländischer Unternehmen sowie wachsende politische Kontrolle. Viele dieser Probleme waren nicht neu. Doch so lange der Industriemarkt um 20 Prozent pro Jahr wuchs, waren sie verkraftbar, das Wachstum überkompensierte sie über lange Zeit.
China selbst aber wurde immer innovativer und wettbewerbsfähiger. Erst wurde es in Drittmärkten zum Konkurrenten, später etwa auch bei Maschinenbau, Industrieautomatisierung und Autos, deutsche Domänen also. „Natürlich haben wir auch selbst mit dazu beigetragen, dass China wettbewerbsfähiger wurde“, sagt der Mann von der Wirtschaftsorganisation. Die Idee des Westens sei gewesen: Je höher Märkte auf der Hochtechnologieleiter steigen, desto mehr Chancen gebe es für die deutsche Industrie. „Doch das ist in China nicht aufgegangen.“
Nach dem WTO-Beitritt litt die US-Wirtschaft als Erste darunter, dass chinesische Billigprodukte US-amerikanische Hersteller auf dem Heimatmarkt verdrängten, die Waren bei Walmart also immer chinesischer wurden. Dieser „China-Schock 1.0“ kostete die USA viele Arbeitsplätze, vor allem im Niedriglohnsektor, brachte dem Westen negative Globalisierungserfahrungen und dürfte mit zu Donald Trumps erstem Wahlsieg beigetragen haben. In Großbritannien auch zum Brexit. Deutschland machte zu diesem Zeitpunkt mit hochwertigen Industriegütern, die China zur Modernisierung brauchte, noch gute Geschäfte.
... und viele verlorene Jobs
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Doch ab etwa 2020 forderte die Volksrepublik die deutsche Industrie mit immer besseren und stets preiswerteren Produkten heraus. Da Chinas Bevölkerung nicht genug konsumiert, um die heimische Industrie und ihre Überkapazitäten auszulasten, exportiert China so viel wie möglich – so der westliche Vorwurf – zu künstlich niedrigen Preisen. Dieser „China-Schock 2.0“ trug mit dazu bei, dass der Bundesagentur für Arbeit zufolge im Jahr 2025 in Deutschland 177.700 Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie verloren gingen. Das sind knapp 15.000 Stellen – die auch heute noch – jeden Monat wegfallen. In einer Studie der OECD zu Subventionen heißt es: „Zwischen 2005 und 2024 erhielten chinesische Unternehmen je nach Region im Durchschnitt eine drei- bis achtmal stärkere Unterstützung von staatlicher Seite als in den OECD-Ländern ansässige Unternehmen.“ Zugleich schreckt Peking nicht davor zurück, die eigene monopolartige Stellung etwa bei Seltenen Erden als Hebel einzusetzen, um Vergeltungsmaßnahmen abzublocken.
Laut Jacob Gunter vom Merics-Institut hat China die meisten WTO-Regeln dem Text nach, aber eben nicht dem Geist nach befolgt. „Für Xi hatte das sicher nie Priorität.“ Dabei wird die WTO, an der die Exportnation Deutschland ein großes Interesse hat und zu deren Regeln heute noch etwa 60 Prozent des Welthandels stattfinden, auch von der Trump-Regierung torpediert, etwa indem sie Handelspartner mit Zolldrohungen erpresst.
Wegen Chinas neuer Stärke scheut auch Trump vor einem offenen Handels- und Zollkonflikt mit Peking zurück. Dabei hat Chinas bisheriges Wirtschaftsmodell ausgedient, das auf hohen Wachstumsraten, Landverkäufen, Immobilien und flächendeckendem Ausbau der Infrastruktur basiert. Der Wandel zu nachhaltigerem und stärker konsum- wie binnenmarktorientiertem Wachstum steht noch aus.
Daran ändern bisher auch sprintende Roboter nichts. Dabei hat in Peking nach nur drei Tagen ein anderer humanoider Roboter aus China den neuen Sprintrekord um weitere 0,53 Sekunden unterboten. Gemeinsam ist den humanoiden Sprintern, dass sie nach dem Ziel gegen Schutzmatten prallen und umfallen. Denn sie können noch nicht bremsen. Für Chinas Ingenieurinnen und Wirtschaftspolitiker bleibt also noch viel zu tun.
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