Von den taz-FLINTA*: Editorial
Echt jetzt? Die taz wird bestreikt? Ausgerechnet jetzt, wo alle wissen wollen, wie es weitergeht in Teheran, Washington, D. C., Jerusalem, Moskau und wo sonst die mächtigsten Männer der Welt tödliche Kriege oder weniger ernsthafte Friedensverhandlungen führen. Wo sie Völker- und Menschenrechte missachten, Kulturkämpfe vorantreiben? Ja, echt. Genau jetzt. Denn alles das geht mit noch mehr Bedrohung, Ausbeutung und Verarmung (nicht nur) von FLINTA* einher, treibt die Gewaltspirale voran.
Die Idee zu einem Globalen Frauen*Streik am Tag nach dem Internationalen Frauentag hat die Bewegung Enough ausgegeben. FLINTA* in vielen Teilen Deutschlands und der Welt waren dann dabei. In der sächsischen Kreisstadt Rochlitz genauso wie in Millionenstädten wie Wien, Berlin oder Buenos Aires. In mehreren Dutzend Städten haben sie sich am Montag zum Frühstücken, zum Abendmahl, zum Häkeln, zur Fahrraddemo, zum Filmegucken, zu Lesungen getroffen, zu Workshops, zum Faulenzen und zum Schreien.
Wir FLINTA* in der taz haben uns angeschlossen. Aus Solidarität, aber auch aus ureigenem Interesse. Auch wenn wir vergleichsweise privilegiert leben und arbeiten, kämpfen doch auch wir mit zähen patriarchalen Strukturen und dem sie verstärkenden Rollback. Auch unser – obschon von einer starken aufgeklärten Community getragene – Raum ist keineswegs diskriminierungsfrei. Angefangen damit, dass FLINTA* immer noch öfter die unsichtbare Arbeit im Verlag und in der Redaktion leisten, Putzen, Dienstpläne machen, Planen, Organisieren, Produzieren – Tätigkeiten, die auch mit Care-Work zu umschreiben sind. Immer noch – oder schon wieder – erleben Kolleg*innen aus der Redaktion bei der Recherche, dass Männer sie bei kritischen Fragen auflaufen lassen, indem sie sie scheinbar gönnerhaft herabwürdigen („haha, meinen Studenten sag ich auch immer …“).
Auch in der taz selbst gibt es Formen von Bro Culture, von informellen Strukturen, in denen es FLINTA* schwer haben. Und ja: Wir wundern uns auch über nicht transparente Zulagenstrukturen und Postenvergaben.
Wir haben diskutiert, ob und wie wir die taz bestreiken. Einerseits wollen wir extern wie intern Solidarität zeigen, ein Zeichen setzen, deutlich machen, welche Arbeit ohne FLINTA*, ohne uns, eben nicht getan wird. Andererseits: Warum eine Plattform ungenutzt lassen, über die wir unsere Forderungen verbreiten können?
Ergebnis: Wir schreiben an diesem Tag keine Artikel und machen keine Fotos, wir produzieren und layouten nicht, wir schieben nichts auf taz.de, in die App oder ins E-Paper, wir planen und managen nicht, wir kochen nicht, wir servieren nicht, wir machen keine Werbung, nehmen keine Anzeigen auf – und wenn wir emotionale Arbeit leisten, dann nur für uns. Einen Teil der ausfallenden Arbeiten haben nichtstreikende FLINTA* und vor allem Männer übernommen. So erscheint die taz trotzdem, berichtet über die Krisen und die Kakophonie in der Welt, sicherlich auch über hoffnungsvolle Ansätze – und auch vom Globalen Frauenstreik. An vielen Stellen gibt es aber Lücken und Leerstellen. Diese Ausgabe und taz.de zeigen, dass wir gefehlt haben: Foto- und Artikelplätze sind ungefüllt geblieben. Dass das unsere unsichtbare Arbeit 1:1 widerspiegelt, wagen wir zu bezweifeln.
Egal: Unsere Forderungen haben wir schon im Vorfeld auf den vorderen Seiten platziert, zusammen mit einer Verortung in der taz-Geschichte feministischen Streikens. Am Streiktag haben wir dann die Zeit genutzt, uns untereinander und mit anderen FLINTA vernetzt, uns gegenseitig zugehört und miteinander diskutiert. Wir waren laut, zum Teil auch wütend, vor allem aber engagiert und froh darüber, dass wir so viele sind. Und wir haben Kraft geschöpft, die wir in dieser immer testosteronstrotzenderen Welt dringend brauchen.
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