Ski-Alpin-Abfahrt bei Olympia: Mit mehr als 140 Kilometern pro Stunde ins Ungewisse
Die olympische Abfahrtsstrecke in Bormio zählt zu den gefährlichsten im alpinen Skisport. Etliche Unfälle zeugen davon. Am Samstag starten die Männer.
Am ersten Wochenende der Olympischen Winterspiele in Italien gibt es, wenn die Wetterbedingungen es zulassen, am Samstag um 11.30 Uhr den ersten Speed-Wettbewerb. Die für Olympia leicht veränderte Abfahrtsstrecke der Männer in Bormio mit Namen „Stelvio“ gehört seit 1993 zu den gefährlichsten und technisch anspruchsvollsten im Ski-Alpin-Weltcupzirkus. Die teils schwierigen Sichtverhältnisse und die eisige Piste von 3.442 Meter Länge mit stellenweise weicheren Passagen im unteren Teil verlangt den Fahrern alles ab, die mehr als 140 km/h erreichen können.
Im Dezember 2024 stürzte der zweifache Abfahrtssieger von Kitzbühel des gleichen Jahres, der Franzose Cyprien Sarrazin, im Training in Bormio schwer und verlor fast sein Leben. Nur durch die rasche Hilfe von Notfallmedizinern und Chirurgen, die ihm wegen eines Hämatoms im Kopf, in der Klinik sogar den Schädel aufsägen mussten, überstand er den Unfall nach eigener Aussage nahezu ohne bleibende Schäden.
Der FIS-Renndirektor für die Ski-Alpin-Herren, der Südtiroler Markus Waldner, erklärte danach wie schon so oft, es sei nun mal ein risikobehafteter Freiluftsport. Letztlich liege die Hauptverantwortung bei den Athleten und bei den Teams, die Limits von Mensch und Material nicht zu überreizen. Womit er nicht ganz Unrecht hat. Kürzlich bei der Weltcup-Abfahrt in Kitzbühel war Sarrazin als Gast vor Ort und erzählte, dass er an seinem Comeback arbeite. „Der Skirennsport ist meine Leidenschaft. Ich möchte es noch mal versuchen, in den Weltcup zurückzukehren, auch wenn es diesen Winter noch nicht funktioniert hat.“
Auch der langjährige einstige DSV-Fahrer Dominik Schwaiger stürzte 2017 in Bormio schwer und musste damals die Saison verletzungsbedingt beenden. Im Dezember 2023 war auch der Österreicher Marco Schwarz auf der Stelvio schwer gestürzt und hatte eine erhebliche Knieverletzung davongetragen, welche das Saisonende bedeutete.
Vorgeschriebener Airbag
Seit dieser Weltcupsaison ist sowohl das Tragen eines modifizierten Airbags sowie schnittfester Unterwäsche (auch wegen der schweren Bein-Schnittverletzung des Norwegers Aleksander Aamodt Kilde 2024 in Wengen) vom Weltskiverband Fis für Männer und Frauen verpflichtend vorgegeben. In der Vergangenheit hatten vor allem einige Stars der Szene freiwillig auf den Airbag verzichtet mit der Begründung, dass sie durch das Tragen des Teils aerodynamische Nachteile haben. Die Benutzung von Karbonschienbeineinlagen wurde hingegen von der Fis verboten, weil die dadurch noch direktere Kraftübertragung vom Unterschenkel und Skischuh auf die Skier, noch waghalsigere Fahrlinien zuließ.
Wer gewinnen will, muss an sein eigenes Limit und teils darüber hinaus gehen. Das hört man stets und ständig, besonders von den Topfahrern. Der Südtiroler Routinier Dominik Paris, der „eine große Eigenverantwortung“ favorisiert, führt die Siegerliste in Bormio an. Sechsmal gewann er dort schon die Weltcup-Abfahrt und ein Mal den Super-G.
Der französische Skistar Alexis Pintaurault monierte die für den Rennsport seiner Meinung nach unzureichenden Schutzhelme, die bei schweren Stürzen oft vom Kopf fliegen, auch der Kinnriemenverschluss sei nicht optimal, da gäbe es Verbesserungsbedarf. Er zog sich beim Super-G 2025 in Kitzbühel eine Schienbeinfraktur und eine schwere Knieverletzung zu und konnte sich nicht für die Winterspiele qualifizieren.
Karlheinz Waibel, Chef des Bereiches Wissenschaft und Technik im Deutschen Skiverband, weist auf das größte Problem im Skirennsport hin, die zahlreichen Knieverletzungen. Trotz etlicher Versuche vom Tragen von Knieorthesen bis hin zu Forschungen zu Airbags für die Knie, ist es bisher nicht gelungen, diese Misere einzudämmen.
Tödliche Trainingsstürze
Der italienische Abfahrer Matteo Franzoso verstarb im September 2025 kurz vor seinem 26. Geburtstag an den Folgen eines Sturzes im Trainingscamp in La Parva in Chile. Die junge Italienerin Matilde Laurenzi (19) verlor im Oktober 2024 nach einem Trainingssturz im Schnalstal, ihr Leben. Seit Langem ist bekannt, dass die Trainingspisten für die Speeddisziplinen längst nicht so gut abgesichert sind wie Welt- und Europa-Cup-Strecken, auch aus Kostengründen. Der einstige Slalomspezialist Felix Neureuther forderte deshalb höhere Sicherheitsstandards für solche Trainingsstrecken.
Zwar hat es zahlreiche Verbesserungen in Sachen Sicherheit in den zurückliegenden Jahrzehnten gegeben. Die erlittene Querschnittslähmung des Schweizer Abfahrers Silvano Beltrametti in Val d’Isere 2001 veranlasste die Fis, die Rennpisten mit blauer Lebensmittelfarbe zur besseren Orientierung auch bei schlechten Sichtverhältnissen zu markieren.
Schnittfeste Planen und Netze, aber auch große Luftkissen entlang der Strecken sorgten ebenso für mehr Sicherheit. Doch ist bei solch hohen Geschwindigkeiten von über 130 km/h selbst bei Frauenrennen das Risiko, sich bei Stürzen schwer zu verletzen, immer vorhanden. Daran wird sich auch in Zukunft wenig ändern. Gleich beim ersten Abfahrtstraining der Winterspiele am Mittwoch wurde der Norweger Fredrik Moeller in Bormio sturzbedingt mit dem Helikopter abtransportiert.
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