: Volkszählung per Telefon
■ Statistisches Landesamt will Arbeitsstättenzählung bis auf jeden Fall zum Abschluß bringen / Grüne sehen darin Verstoß gegen den Bürgerschaftsbeschluß
Viele Bremer Betriebe werden in diesen Tagen Anrufe vom Statistischen Landesamt erhalten. Trotz des Mai-Beschlusses der Bürgerschaft, die Volkszählung unverzüglich zu beenden und auf Zwangsmaßnahmen und Bußgelder zu verzichten, soll die Arbeitsstättenzählung bis zum bitteren Ende durchgeführt werden. Das jedenfalls ist der Tenor beim Statistischen Landesamt. Anfang dieser Woche hat das Landesamt eine Telefonaktion gestartet, mit der die Daten der säumigen Betriebe fernmündlich eingeholt werden sollen. „Bisher ist die Erfolgsquote bei etwa 50 Prozent“, wußte ein Mitarbeiter der Behörde zu berichten.
Nach Auskunft des Statisti
schen Landesamtes sind von der Arbeitsstättenzählung in Bremen annähernd 27.000 Betriebe betroffen. Der allergrößte Teil der Unternehmen hat in der Zwischenzeit die Fragebögen abgegeben. Die Zahl der Widersprüche bezifferte ein Sprecher des Landesamtes mit „weit unter 100“. Bereits im September hatte das Statistische Landesamt an die Betriebe in Bremen Heranziehungsbescheide versandt und mit Zwangsgeldern gedroht.
Davon betroffen war auch die Bremer Arztpraxis von Dr. Hans -Joachim Streicher. Dr. Streicher befürchtet, daß die Verwaltung mit den gesammelten Daten „Schindluder treibt“. Insbesondere sieht er die Gefahr, daß seine
Praxisdaten in die “ staatliche Krisen- und Kriegsplanung“ Eingang finden. Darüber hinaus hält er die Fortsetzung der Betriebsstättenzählung für nicht vereinbar mit dem Bürgerschaftsbeschluß aus dem Mai. Streicher hat beim Verwaltungsgericht und beim Statistischen Landesamt Widerspruch gegen die Arbeitsstättenzählung und die vorübergehende Aussetzng der Vollziehbarkeit des Heranziehungsbescheids beantragt. Mit einer Entscheidung rechnet er aber erst nach der nächsten Bürgerschaftssitzung.
Auch die Grünen sehen in dem Vorgehen der Behörden einen Verstoß gegen den alten Bürgerschaftsbeschluß. Nach Auffassung des innenpolitischen Spre
chers der grünen Fraktion, Martin Thomas, muß der Verzicht auf Zwangsmaßnahmen auch für die Arbeitsstättenzählung gelten. Darüber hinaus seien die gesammelten Daten jetzt fast eineinhalb Jahre nach dem Stichtag - sowieso überholt und für Planungen nicht mehr zu gegbrauchen.
Innensenator Bernd Meyer versteht die Aufregung nicht. Seine Behörde hatte bereits im September erklärt, daß die Arbeitsstättenzählung ordnungsgemäß zuende geführt werde. Dies sei nur über ein vollständiges Ausfüllen aller Erhebungsbögen möglich, da im Gegensatz zu der Personenzählung nicht auf andere Unterlagen zurückgegriffen werden könnte.
oma
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen