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Volk errühe!

■ Betr.: "Demokratie ist, was uns paßt", taz vom 6.2.90

betr.: „Demokratie ist, was uns paßt“, taz vom 6.2.90

Was bildet sich dieser viereckige, sogenannte Runde Tisch in Ost-Berlin überhaupt ein, uns, den Bonner PolitikerInnen den Wahlkampfaufmarsch in unserem DDR-Schrebergarten verbieten zu wollen! Sind die denn total übergeschnappt? Die haben doch noch nicht einmal eine Laubsäge, mit der sie ihren viereckigen Tisch zum runden machen können.

Wissen die denn nicht, daß wir sogar unseren Freund Heinrich Kroll in Oppeln/Schlesien mit der ganzen Subversivität unserer DMacht in den Warschauer Senatorensessel katapultieren? Sogar für die schon in Umrissen erscheinende Deutsche Wolga-Republik stehen unsere auf Ost-Einsätze spezialisierten Wahlkampftrupps bereit. Schließlich müssen, wenn auch nicht deutsche Soldaten, so doch deutsche Politiker am Wolgastrand wieder Wache stehen. Auch soll der Seher Nostradamus in der russischen Steppen den Daimler-Benz-Stern wieder gesichtet haben.

Ich wohne hier in Bonn nicht weit von den Bonner Parteizentralen. Dort werden in den Hinterhöfen schon ganze LKW-Kolonnen mit Schreibmaschinen, Schreibpapier, Büroklammern, Megaphonen und Computers beladen. Das soll demnächst alles in Richtung Osten rollen. Bonner WahlstrategInnen planen schon, den ganzen Acker zwischen Lissabon und Wladiwostok zu einem einzigen Wahlkreis zu machen. Früher hieß es: Volk erwache! Heute heißt es (zur Tarnung): Volk errühe! (Von „Volk erröte!“ wollen wir lieber nicht sprechen. Das war in diesem Land noch nie modern weder in dem einen noch in dem anderen Sinn.)

Michael ben-Awraham, Bonn

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