■ Vertriebene marschieren nach Osten: Ganz friedlich
„Auch das Völkerrecht schreibt ja bestehende Grenzen keineswegs ein für allemal fest. Es läßt, selbstverständlich, ihre Änderung zu, wenn dies einvernehmlich und auf friedliche Weise geschieht“, heißt es listig in der Märkischen Zeitung, dem Bundesorgan der Vertriebenen aus Berlin-Mark Brandenburg, in der zur gestrigen „Großveranstaltung“ in der Sömmeringhalle aufgerufen wurde. Wie „einvernehmlich“ und „friedlich“ buchstabiert wird, wird auf jeder Seite klargemacht. Da wird polemisiert gegen den Begriff „Ostdeutschland“ für die ehemalige DDR. Im Gedanken ist man längst viel weiter östlich. Das Ostpreußenblatt träumt bereits von der Rückbenennung Königsbergs und läßt die Leser auf subtile Weise erfahren, daß eigentlich die aggressiven Polen Hitler 1939 zu seinem Angriff genötigt haben. Wenige Seiten weiter werden die „Unmenschlichkeiten“ beklagt, die den Angeklagten in den Nürnberger Prozessen – das „umstrittenste Unikum der Rechtsgeschichte“ – zugefügt wurden. Wen stört da noch, wenn gestern auch die „Republikaner“ ihre Zeitungen feilboten? Kanzleramtsminister Bohl und den Regierenden Bürgermeister Diepgen (beide CDU) offenbar nicht. Man hofiert die lieben Vertriebenen, mogelt sich mit vagen Formulierungen durch, wo anstünde, Klartext zu reden. Statt dessen werden die Mordtaten Nazideutschlands von Bohl in einem Atemzug mit der Vertreibung der Deutschen als „schweres Unrecht“ gleichgesetzt. Den rechten Rand einbinden, heißt das wohl im Jargon der Parteistrategen. Der Skandal ist deshalb nicht, was Diepgen gesagt hat, sondern daß er die Unbelehrbaren gewähren ließ. Es verwundert nicht, daß die Forderungen der Vertriebenen immer unverblümter werden. Gerd Nowakowski
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