: Vertreibung der Szene vom Sielwall
■ Massives Polizeiaufgebot kontrolliert Drogenabhängige / Aids-Hilfe: Unsere Arbeit geht kaputt
Rat- und sprachlos standen MitarbeiterInnen des Bremer „Vereins für akzeptierende Drogenarbeit“ gestern an der Sielwall-Kreuzung, dem Bremer Treffpunkt von Junkies. Ein Mannschaftswagen der Polizei war aufgefahren, Streifen kontrollierten alles, was „von seinem Alter und seinem äußeren Erscheinungsbild“ (Polizeipressestelle) so aussah, als könne es zur Szene gehören.
Der neue Bremer Innensenator beende so auf polizeiliche Weise alle Debatten um wohnungslose Junkies, fehlende Therapieplätze und dezentrale Hilfsangebote, schreibt der „Arbeitskreis Kommunale Drogenpolitik“ in einem Protestbrief. Birgit Stiem von der Aids-Hilfe findet es besonders unverantwortlich, daß die Polizei auch systematisch den Drogenabhängigen die Spritzen wegnehme — der Spritzentausch werde vom Bremer Gesundheitssenator finanziert, um die Abhängigen zu motivieren, ihre gebrauchten „Pumpen“ nicht einfach wegzuwerfen. Die Erläuterung der Polizei, die Spritzen müßten wegen „Gefahrenabwehr“ weggenommen werden, findet die Aids- Hilfe geradezu lächerlich: Drogenabhängige müssen täglich damit umgehen. Gestern warteten die MitarbeiterInnen der Aids- Hilfe in der Weberstraße vergeblich auf ihr Klientel: Die einen trauten sich nicht am Sielwall vorbei, die anderen hatten keine alte Spritze mehr zum Tauschen.
Wenn man dem Sprecher des Innensenators, Kleen, glauben soll, dann handelt es sich bei der Polizeiaktion um einen schlichten Irrtum: Die Dealer sollten verunsichert werden, sagt er. Tatsächlich bestätigt die Erfolgsbilanz die frühere polizeiliche Erkenntnis, daß mit demonstrativen Großeinsätzen Dealer nicht zu überraschen sind: Die Polizei hat bei unzähligen Überprüfungen, Durchsuchungen und „Vorführungen“ in der Wache am Montag kein einziges Gramm Heroin gefunden, am Dienstag wurde dann das Konzept geändert und „selektierter“ auch in Nebenstraßen kontrolliert. Ergebnis: Zwei Kleindealer mit 5 Gramm.
Die Nebeneffkte der Großrazzia, die die Polizei als Erfolgsmeldung verbreitete, sind dagegen bemerkenswert: 27 Menschen, deren Adresse von der Staatsanwaltschaft gesucht wurde; ein Mann zufällig wiedererkannt, der am Sonntag bei einem Raubüberfall gesehen worden war; zwei Autodiebe aus Hannover, drei Kurden ohne Asylantrag, ein Asylbewerber, der sich aus den neuen Bundesländern abgesetzt hatte.
Auf die Frage, ob die Polizei wirklich am Sielwall-Eck mit Mannschaftswagen nach großen Dealern gesucht habe und warum sie dafür Spritzen beschlagnahmt, wollte der Sprecher des Innensenators gestern nicht Stellungnehmen.
Nicht Stellung nehmen war auch die Order für den Bremer Drogenbeauftragten Guus van der Upwich. Presse-Äußerungen nur nach Genehmigung hatte die Behördenspitze nach dem letzten taz-Interview Upwichs verfügt. Gestern meinte Staatsrat Hoppensack, auch er habe den Eindruck, daß da „mit dem großen Hammer“ zugeschlagen worden ist, man wolle die Besprechung mit dem Innenressort am Montag abwarten, bevor das für Drogenhilfe zuständige Ressort Stellung nehme.
„Wohin sollen sie denn?“, fragen die Grünen im Beirat Mitte nach dem Sinn der polizeilichen Vertreibung. „Konzeptionsloser Aktionismus“ sei das, der neue Innensenator wolle offenbar „Stärke demonstrieren“.
Dies benennt die Polizei selbst auch als Ziel des Einsatzes. Kein Wort vom Kampf gegen Dealer, sondern als „Maßnahme gegen den alltäglichen und ungeniert offenen Drogenkonsum“, erklärte die Pressestelle den Einsatz. K.W.
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