: Verfahren gegen West–Berliner Skins
■ West–Berliner Staatsanwalt ermittelt gegen Skins, die am Überfall auf die Ost–Berliner Zionsgemeinde beteiligt waren / Ost–Berlinerin stellte Strafanzeige gegen Chefredakteur der DDR–Zeitung Junge Welt
Berlin (taz) - Die Westberliner Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren gegen Westberliner Skinheads eingeleitet, die am 17. Oktober letzten Jahres an einem Überfall auf ein Rockkonzert in der Ostberliner Zionskirche beteiligt gewesen sein sollen. Vier Ostberliner Skinheads waren im zweiten Prozeß Anfang Dezember zu Haftstrafen zwischen einem Jahr und zwei Monaten verurteilt worden. Die Ermittlungen richten sich gegen Unbekannt wegen des Verdachts der Körperverletzung. Die Westberliner Staatsanwaltschaft wird demnächst ein Rechtshilfeersuchen an den DDR–Generalstaatsanwalt richten, erklärte der Justizpressesprecher. Anlaß für die Ermittlungen ist ein Brief, den ein Pfarrer der Zionskirchenge meinde im Dezember an den Regierenden Bürgermeister Diepgen geschickt hatte mit der Bitte um Hilfe bei den Ermittlungen. In dem Prozeß gegen die Ostberliner Skinheads war von mehreren Westskinheads die Rede gewesen. Die Ost–Berliner Zeitung schrieb in der gestrigen Ausgabe, Skinheads aus Westberlin seien die Anstifter des Überfalls auf die Zionskirche gewesen. In dem Artikel hieß es u.a.: „...und jeder kann sich vorstellen, was alles sich hier tummeln würde, gebe es keine sichere Grenze.“ Die Ost–Berlinerin Vera Wollenberger, Mitinitiatorin der Kirche von unten und der Mahnwachen anläßlich der Festnahme von Mitarbeitern der Ost–Berliner Umweltbibliothek, stellte Strafanzeige gegen den Chefredakteur der in der DDR erscheinenden FDJ–Zeitung Junge Welt, Hans– Dieter Schütt. Der Staatsanwalt in Ost–Berlin sicherte zu, der „Sache“ nachzugehen. Anlaß zu diesem bisher einmaligen Schritt in der DDR war ein Kommentar Schütts, indem er die unabhängigen Friedensgruppen und neofaschistische Skins in einen Topf warf und als vom Westen gesteuert darstellte. Der Anwurf, so Wollenberger sei an „Infamie kaum zu übertreffen“ und bedeute eine „Kriminalisierung“ unabhängiger Initiativen. Weitere Ost–Berliner erwägen, ebenfalls Strafanzeige zu erstatten. Schütt gilt als karrierebewußt und vehementer Gegner des Gorbatschowschen Reformkurses. Auf dem Schriftstellerkongreß im Herbst mußte er ebenfalls ungewohnte Kritik einstecken. DDR–Autor Christoph Hein bescheinigte ihm „mangelnden Sachverstand“ und empfahl, einen „anderen Beruf“ zu ergreifen. Die Junge Welt gehört nach dem SED–Zentralorgan Neues Deutschland zu den auflagenstärksten Tageszeitungen der DDR. Helene Korf/Martha Sandrock
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