: Verdrehte Geschichte
■ betr.: „Antikes im Tacheles: ,Dio nysos' Rache‘ von Manu Tröke“ (Nachschlag), taz vom 16.9.94
Ihre Kritik ist nicht schlecht geschrieben und genügt sicherlich den Ansprüchen der vielen taz-LeserInnen, die nie ins Theater gehen, aber leidenschaftlich gern Verrisse lesen. Das Heruntergemachte ist ihnen das tägliche Brot oder die tägliche taz, je nach Konfession. Nun will ich Ihnen Ihre Kritikermeinung zu den mißglückten Bakchen gar nicht verübeln, dazu ist mir Ihr Beitrag einfach viel zu gut geschrieben – anzumerken wäre vielleicht nur, daß „beispielsweise Kadmos (Helmut Bernhofen)“ dem Darsteller des Pentheus (im Stück) nichts „von nächtlichen Frauenorgien berichtet“. Aber das ist eine Bagatelle.
Was mich hingegen an Ihrer Kritik sehr wundert, ist, daß sie gewisse Vorgänge unerwähnt lassen und beispielsweise überhaupt nicht mit einer Zeile der Frage nachgehen, wie es möglich war, daß der Beirat für Freie Gruppen einem solchen Projekt auf die Beine helfen konnte, daß Hartmut Krug (auch er hat sich schon für Ihr Blatt ins Zeug gelegt), daß Sandra Luzina (hat nicht auch sie schon für Ihr Blatt geschrieben?), daß Rainer Schweinfurth – und wie diese Schreckensgestalten auch noch alle heißen mögen – diesen Antrag passieren lassen konnten?
Wie ist es möglich gewesen, daß dieser Europaliga von Kritikern und Theaterwissenschaftlern ein so windiger Antrag durchgehen konnte? Oder ist das überhaupt gar keine Überraschung? War das vorauszusehen, nur folgerichtig? Haben denn nicht Luzina, Krug und & seinerzeit den Antrag der „Zimtläden“ von Woron abschlägig beschieden, war es denn nicht Krug, der Baranowski und dem transformtheater den Garaus gemacht hat? Jetzt wundert uns natürlich nichts mehr. Diese Entwicklung hin zum Konsumtheater zeichnete sich da schon ab! Und hätte Stupperich Woron nicht die Zimtläden finanziert, wir hätten dem diesjährigen Friedrich-Luft- Preisträger wohl kaum zujubeln können (auch die taz nicht). Das unterschlagen Sie, und schon kommt eine verdrehte Geschichte heraus.
Das kann ich Ihnen sagen, ich habe in dieser Produktion immer nur das getan, was der Regisseur von Dionysos' Rache von mir verlangt hat. Ein wenig mehr, sicherlich, weil der Schauspieler ja ein Mit-Kreateur sein soll und auch, weil sonst die ganze Sache für mich unspielbar gewesen wäre, aber immer nur so viel mehr, daß die Ideen des Regisseurs Priorität behielten. In seinem Ideengewand wollte ich mich Herrn Krug präsentieren und mal schauen, wie er sich da herauswindet. Denn ich erinnere mich noch sehr gut einer lauthals gemachten Äußerung eines Beiratmitglieds: „Herr Bernhofen“, hieß es damals, „wenn man die Kunst der Komödie macht, dann sollte man doch zumindest eine Idee haben.“ Nun weiß ich, darauf kommt es gar nicht an, das genaue Gegenteil ist verlangt, nämlich keine Idee zu haben, wenn man Projektmittel erhalten möchte. [...] Und Sie prügeln auf den Schauspielern rum? – Wie leicht!, wie richtig!
Sie halten es damit nicht anders als alle in diesem Land: Lieber schlägt man seine Kinder, als daß man mal seinem Chef an die Gurgel ginge. Helmut Bernhofen
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