Unterwegs im Hessen-Wahlkampf: TSG warnt vor Rache an SPD

SPD-Spitzenkandidat Schäfer-Gümbel erfreut seine Genossen im Odenwald. Er warnt die Wähler davor, sich an der lädierten SPD auszutoben.

Seine Forderung nach einer Zwangsanleihe für Reiche war nur ein Rohrkrepierer: SPD-Spitzenkandidat Schäfer-Gümbel. Bild: dpa

Große Umtauschaktion mit Thorsten Schäfer-Gümbel, dem SPD-Spitzenkandidaten bei der Hessen-Wahl, auf der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil: "Tauschen Sie Ihren alten - Ministerpräsidenten - gegen einen neuen Regierungschef ein", fordert der rote Koloss im schwarzen Mantel die ohnehin gerade umtauschwilligen Passanten auf. Er selbst werde Roland Kochs alte marktradikale Konzepte durch "sozialdemokratische Gerechtigkeitspolitik" ersetzen und "Armutslöhne gegen Mindestlöhne" umtauschen.

Am 18. Januar wird in Hessen neu gewählt, und den Menschen gefällt die Aktion offensichtlich. Der 1,93 Meter große Gießener sticht aus der Menge heraus. Die Leute kommen heran. TSG macht sie neugierig.

Damit seine Botschaft von der "Gerechtigkeit gerade in den Zeiten der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise" überall in Hessen gehört wird, verbreitet TSG sie per Video auf (www.spd-hessen.de). "Starke Schultern können und müssen mehr tragen", heißt es darin. Dass seine Forderung nach einer Zwangsanleihe für Reiche kurz vor dem Jahreswechsel nur ein Rohrkrepierer war, an dem sich selbst die Linke nicht die Finger verbrennen wollte, ficht ihn nicht an. Irgendwer müsse die Hilfsprogramme für Banken und Industrie am Ende ja finanzieren. Da sei der Teil der Bevölkerung in der besonderen Pflicht, der über Jahre von der rücksichtslosen Wirtschaftsweise profitiert habe.

Diese Botschaft sendet TSG schon am Tag vor Silvester im Bürgersaal des Rimbacher Rathauses vor rund 200 Genossen aus dem Odenwald. Das wisse auch Koch, der schließlich "kein Dummkopf" sei. Dass sich der CDU-Konkurrent jetzt in der Krise als "Wirtschaftsweiser" geriere, sei allerdings "blanker Zynismus". Denn Koch sei der "Vater der Entfesselung der Banken" und habe keine Gelegenheit ausgelassen, einen fairen Wettbewerb in der Wirtschaft und insbesondere in der Finanzwirtschaft zu verhindern. Koch habe das Feuer mitgelegt und spiele jetzt Feuerwehrmann. Die Odenwälder Genossen klatschen, sie freuen sich, dass sich ihnen der Neue - trotz der miesen Umfragewerte für die SPD - so angriffslustig präsentiert. Und froh sind sie auch, dass sich ihr Kandidat nicht lange mit der Bewältigung der jüngsten Vergangenheit der Partei beschäftigt. Man sei bei der SPD "nicht masochistisch veranlagt", merkt einer der Genossen an und trinkt von seinem Odenwälder Flaschenpils.

Natürlich sei der Ausschluss der Zusammenarbeit mit der Linken vor der Wahl "ein Fehler gewesen", ruft TSG. Die drei Buchstaben zieren längst einen Button - und gerne lässt sich der Kandidat so nennen. Dass die SPD nach der Landtagswahl vor elf Monaten "aus rein programmatischen Gründen" zur Linken geschwenkt sei, habe nicht eine einzige Person zu verantworten. Er meint Andrea Ypsilanti. Verantwortlich sei die ganze Partei; und die FDP, die sich einer Ampelkoalition verweigert habe. Dass das nur die halbe Wahrheit ist, weiß TSG. Gegen eine Zusammenarbeit mit der Linken im Landtag in Sachfragen hatte schließlich noch nicht einmal die SPD-Dissidentin Dagmar Metzger etwas einzuwenden. Sie funktionierte ja auch reibungslos. Über den parteiinternen Widerstand gegen Ypsilantis Plan, sich mit den Stimmen der Linken zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen und die Linke anschließend über einen Tolerierungsvertrag ins Regierungsboot zu holen, mag er an diesem Abend aber nicht mehr reden. Basta.

Schnell wird er wieder selbstironisch und witzig. Da ist er zumindest in seiner Heimatregion Mittelhessen schon Kult. "Sicher, man kann sich als Wähler jetzt an uns rächen und austoben, aber wir werden dadurch nicht besser", sagt er grinsend. Wer die Sozialdemokraten abstrafen wolle, der müsse wissen, "dass dann nicht nur die SPD der Verlierer ist, sondern das ganze abstürzende Hessenland, das dann unter Koch weiter fünf Jahre von der Substanz wird leben müssen".

Dass TSG auch über Nehmerqualitäten verfügt, hat er schon zu Beginn der Veranstaltung bewiesen. Geduldig ließ er die schräg gereimten Huldigungen des sozialdemokratischen Männergesangsvereins "Rotbäckchen" über sich ergehen: "Unsere Wahl heißt SPD, nur mit ihr geht es voran - Thorsten SG bricht den Bann!" Alle klatschten mit.

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