: Und die Filme?
Kein Mensch kommt auf die Idee, eine bei Hertie gekaufte Lampe als Kunstwerk zu betrachten / Bittere Erkenntnis: Qualität der Filme ist Nebensache ■ Aus Venedig Arno Widmann
„Und die Filme“, werde ich gefragt, „wie sind sie? Es gibt in Venedig doch nicht nur das Zeug, das du so runtermachst, es gibt doch auch Resnais, Greenaway, Ettore Scola.“ Sicher, die gibt es. Aber das meiste, was geboten wird, ist so fürchterlich schlecht, so erbarmungslos unter jedem noch irgendwie diskutablen Niveau, daß es schon eines Meisterwerkes bedurfte, um diese Scharten auszuwetzen. Resnais‘ I want to go home ist ein Film mit schönen Momenten. Aber das ist auch schon alles. Peter Greenaway ist Peter Greenaway, und wer den angestrengten Budenzauber seiner Kaufhausmalerei liebt, wird auch hier wieder auf seine Kosten kommen. Vorausgesetzt, er schließt die Ohren und denkt keine Sekunde an Dieiq Jdung.
Greenaways Versuch, einen Film in die Millionenbilder, aus denen er besteht, zu zerlegen und uns bei jedem in die Hände schlagen zu lassen vor Begeisterung darüber, daß es aussieht wie ein Frans Hals, ein Vermeer oder ein Teniers... Lächerlich, grotesk ist das. Ein Alptraum für jeden, der Bilder liebt. Vierundvierzig Frans Hals in der Sekunde: Das ist einfach zuviel. Aber wie das Schreiben in achtzig bis hundertzwanzig Zeilen, ohne die völlig falsche Vorstellung zu erzeugen, Greenaways Scheitern hätte irgend etwas mit dem Dreck zu tun, den man sonst zu sehen bekommt? Zum Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum. Der deutsche Film - da bin ich mir hier ganz sicher geworden - ist zu Tode gefördert worden.
Tag für Tag vier bis fünf Filme, schlechte Filme, das ist kein Vergnügen. Kein Wunder, daß die meisten Journalisten von Film zu Film springen. Das Festivalangebot als kalte Platte betrachten, von der man hier ein Häppchen, da ein Häppchen sich schnappt, ohne je einen Film ganz zu sehen.
Ein Nachruf auf die Filmfestspiele von Venedig? Nein. Aber eine deutliche Erinnerung daran, daß wir es beim Kino mit einer Industrie zu tun haben. Qualität wird da höchstens als Nebenwirkung in Kauf genommen. Kein Mensch kommt auf die Idee, die Lampe, die er bei Hertie kauft, als Kunstwerk zu betrachten. Sie soll leuchten, halten und möglichst nicht stören. Das gleiche verlangt ein Produzent vom Kino, und das gleiche verlangt die Mehrheit des Publikums vom Kino. Wo immer etwas mehr herauskommt, ist das ein seltener Glücksfall, ein Ereignis, das man feiern und laut in die Welt hinausbrüllen möchte. Daß es diesmal nichts zu feiern gibt in Venedig, ist kein Grund zur Traurigkeit.
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