Unbeweglichkeit im Alter: Keinen neuen Kram mehr, bitte

Starrsinn schmückt den reifen Mann. Denn gelernt hat er schon alles wichtige. Neue Ideen stören da nur die innere und äußere Ruhe.

ein älterer Mann sonnt sich den Rücken an einem vergitterten Fenster sitzend

Das Alter ist voller gelassener Gewissheit Foto: Marcelo Chello/imago

Irgendwann gerinnt im reifen Mann die feste Erkenntnis, dass er nichts Neues mehr lernen, geschweige denn erleben muss. Schließlich hat er genug erlebt, und, Hand aufs Herz, das meiste war ohnehin überflüssig und auch nicht besonders schön. Vor allem aber ist das Neue anstrengend. Irgendwann reicht es mit dem Stress. Wozu ist man quälende acht oder zehn oder gar dreizehn Jahre plus Nachspielzeit zur Schule gegangen? Da muss es doch auch mal gut sein.

Gemüse, Feminismus, neue Rechtschreibung, Intimhygiene: Bitte keinen neuen Kram mehr! Dieser modernistische Schnickschnack fickt mein Hirn und macht die Welt zu einer schlechteren, sprich für mich unübersichtlicheren Scheißwelt. Alles, was ein Mann wissen muss, weiß ich: wie man eine Zündkerze mit den Zähnen zieht, wie die Miezen ticken und wie man eine Panzerfaust abfeuert. Das genügt.

Brandt oder Strauß, Geha oder Pelikan, Beatles oder Stones – die wichtigsten Lebens­entscheidungen habe ich für mich längst getroffen, die Weichen sind gestellt. Wozu eine Meinung bilden, ich hab doch schon eine. Und die passt auch zu jedem neuen Thema – unter einem sanften Hammerschlag hat sich noch immer jedes Puzzle­teil gefügt.

Meine Frau sagt oft, ich solle mich doch bitte mal bewegen. Aber ich hab mich doch schon mal bewegt. Ich muss auch nicht umziehen. Ich wohne doch schon. Ich will auch keine neuen Leute kennenlernen, ich kenne doch schon welche. Oder, besser gesagt, kannte welche. Als sie anfingen, mir zu widersprechen, habe ich sie entfreundet und blockiert. Das ging noch alles analog – man tauschte halt ein paar Backpfeifen, und ging danach nicht mehr ans Telefon.

Der alternde Mann hat es weniger leicht, als viele denken. Die Hormone spielen verrückt, der Andropausen­clown versteht die Welt nicht mehr. Die Frau ist weg, und sein bester Freund ist der Urologe. Alle Folgen der Kolumne "Andropause" gibt's hier.

Mir wurde ja schon früher nachgesagt, ich sei unflexibel, stur und starrsinnig. Ich nehme das mal als Kompliment. Denn Starrsinn ist nicht umsonst nur einen Buchstaben von Starksinn entfernt. „Schwachsinn verliert Schlüssel, Starksinn gewinnt Kriege“, zitierte erst neulich mein kluger Urologe Zbigniew ein masurisches Bonmot, während er mit einer heißen Stricknadel behutsam meine Harnröhre entkalkte.

Und er hat recht. Ich liege selbstverständlich immer und mit allem richtig. Dafür sorgt meine Lebenserfahrung, die den großen Vorteil hat, dass sie gut und fest konserviert ist, und nicht wie bei so vielen jungen Leuten durch permanenten Input aufgewühlt und deshalb nachhaltig getrübt. Auch „Diskurs“ und „Argumente“ sind doch nur Synonyme für Rückgratlosigkeit und Entscheidungsschwäche. Mal hü, mal hott. Von meinen ehernen Grundsätzen können sich die flatterhaften Mäuse eine dicke Scheibe abschneiden. Bei mir sind die Dinge nicht heute so und morgen so. Sondern immer gleich. Und zwar gestern.

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Seit 2001 freier Schreibmann für verschiedene Ressorts. Mitglied der Berliner Lesebühne "LSD - Liebe statt Drogen" und Autor zahlreicher Bücher.

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