Umgang mit der Coronakrise: Ostdeutsche Erfahrung kann helfen

Meine Eltern haben die sogenannte Wende erlebt. Der Coronakrise begegnen sie entspannt. Sie wissen: Es gibt Dinge, die kann man nicht beeinflussen.

Zwei Menschen auf einer Parkbank genießen die Natur während der Corona Zeit.

Das entschleunigte Leben in der Natur könnte so schön sein, wäre da nicht Corona Foto: Boris Roessler/dpa

Meine Mutter ruft an und fragt, ob soweit alles in Ordnung bei mir sei. Sie hat meine letzte, ausgesprochen maulig geratene Kolumne gelesen und mutmaßt nun, ich läge heulend in der Ecke. Mach es doch wie dein Vater und ich, sagt sie. Wir versuchen, gesund zu bleiben, halten Abstand zu anderen, informieren uns soweit wie nötig und lassen den Mut nicht sinken. Es wird, es muss ja wieder besser werden.

Dabei liege ich mitnichten in der Ecke, sondern führe, bei zugegeben schwankender Stimmung, seit Wochen ein entschleunigtes Leben in der Natur. Das Ganze bei interessanter Schreibtischarbeit, regelmäßiger Bewegung an frischer Luft und gesunder Frühlingskost. Wäre da nicht dieses Gefühl schwankender Planken in­ Coronazei­ten, könnte ich getrost den Brandenburger Superlativ verwenden: Kann man nicht meckern.

Meine Eltern allerdings meckern überhaupt nicht. Das mag daran liegen, dass sie mit Mitte achtzig keine Pläne jener Sorte hegen, ein Start-up zu gründen oder auf Welttournee zu gehen. Tatsächlich aber scheint mir ihr freundlicher Langmut ihrer Lebenserfahrung geschuldet.

Vor dreißig Jahren sind sie schon einmal durch eine maximale Umwälzung der Verhältnisse gegangen. Die sogenannte Wende bestand ja für Ostdeutsche mitnichten nur darin, unter Freudentränen durchs Brandenburger Tor zu taumeln. Viele meinten anfangs tatsächlich, das Land, das sie mit aufgebaut hatten, politisch und ökonomisch reformieren zu können. Meine Mutter schrieb damals Konzepte für neue Studiengänge, knüpfte Kontakte zu westdeutschen Unis, netzwerkte mit KollegInnen in Osteuropa. Ich hatte, erzählt sie mir, den Anspruch, einen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Lächeln in unseren Augen

Tatsächlich jedoch wurden meine Eltern sehr bald arbeitslos. Warteschleife, lautete der arbeitsmarktpolitische Euphemismus dafür, dass der Staat Leute wie sie mit sehr viel Steuergeld zur Ruhe zu bringen versuchte. Die Schleife, in der sie warten sollten, endete dann aber tatsächlich nie, wurde lediglich unterbrochen von Beschäftigungsmaßnahmen durch das Arbeitsamt. Die beiden wurschtelten sich so durch. Als sie offiziell RentnerInnen werden durften, war das besser so für alle Seiten.

Dieses Gefühl also, dass gerade gar nichts mehr sicher ist und dass es nicht an dir ist, die Dinge zu beeinflussen, kennen meine Mutter und mein Vater gut. Und dennoch nölen sie nicht rum, sondern wuseln durch Haus und Garten, lesen kluge Bücher und schreiben ihren Urenkeln lustige Briefe. Und natürlich bekomme ich wie in jedem Frühling von meiner Mutter vorgezogene Tomatenpflanzen.

Ich setze mich also ins Auto, fahre zum Haus meiner Kindheit und klingele. Die Tomaten stehen gleich neben dem Gartentor. Wir stehen einander gegenüber, schauen uns an aus maskierten Gesichtern und erkennen das Lächeln in unseren Augen. Was für eine Freude, dass wir uns haben. Unter allen, wirklich allen Umständen.

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1965, ist taz-Parlamentsredakteurin. Sie berichtet vor allem über die Unionsparteien und die Bundeskanzlerin.

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