Ulrich Seidls Film „Paradies: Hoffnung“

Ein urgeiler Charakter, aber...

„Paradies: Hoffnung“ beschließt Ulrich Seidls Female-Misbehaviour-Trilogie: eine messerscharfe Studie der tiefen Verunsicherung des Sichverliebens.

Krasseste Pubertät. Grausam ehrliches Alter. Bild: Neue Visionen Filmverleih

Nicht jeder fährt im Urlaub nach Kenia, um sich dort von ein paar Beach Boys befriedigen und auf diesem Weg ein fragil angelegtes Quäntchen persönlichen Glücks zu finden („Paradies: Liebe“). Nicht jeder kniet minutenlang vor dem Kreuz und peitscht sich mit der Neunschwänzigen den Rücken wund, um für die Unkeuschheit in der Welt zu sühnen („Paradies: Glaube“).

Und natürlich schicken auch nicht alle einfach mal ihre übergewichtigen Töchter und Söhne zum Abspeck-Drill ins Diät-Camp. Aber sich in einem solchen zu befinden und sich als Dreizehnjährige in den medizinischen Leiter, einen schweigsamen, feschen, junggebliebenen und offenbar alleinstehenden Mittfünfziger zu verlieben („Paradies: Hoffnung“), das kann dann schon als durchaus „normal“ durchgehen.

Melanie (Melanie Lenz) – Tochter der Kenia-Sugarmama Teresa (Margarete Tiesel) und Nichte der Jesus-Liebhaberin Anna Maria (Maria Hofstätter) – ist die Dritte im Bunde der grenzgängerisch sehnsuchtsvollen Frauen in Seidls Opus magnum. Die Umstände ihrer ersten Liebe sind schräg, das ist wahr, so viel Teenagefett auf einem unmotiviert turnenden, lächerlich herumkommandierten Haufen hat man noch selten gesehen; so gelassen betrachtet und gezeigt werden Körperformen dieser normabweichenden Dimension sonst fast nie.

Umso köstlicher die Gegenwelt zur ohnehin scheiternden Züchtigung, jene bockige Ausgelassenheit im engen Vierbettzimmer, ob mit Schokoriegel oder beim Sex-Talk, ob beim Strippoker oder bei den Schimpftiraden auf den reitgertendschwingenden Trainer (Michael Thomas).

Improvisationskunst

Wer wissen will, wie der Jugendliche aus Wien und Umgebung heutzutage spricht, zu welcher Wortwahl er – und insbesondere sie – fähig ist, welche Redundanzexzesse, Stilblüten und Dialoggefechte hier emergieren: bei Ulrich Seidl und der Improvisationskunst seiner Protagonistinnen kann man lernen, da stimmt alles, Komma, Diphtong, Idiom. In einem der innigen Gespräche, die Melanie mit ihrer besten Freundin im Kuschelhochbett führt, fällt der für die Hochzeit der Pubertät äußerst würdige Satz: „Der hat doch einen urgeilen Charakter aber.“

Sorgten die vieldeutigen, langen Blicke des Camp-Arztes für eine Serie wunderbar unschuldiger Annäherungsversuche durch Melanie, so ist es nun genau sein möglicherweise urgeiler Charakter, der auf jeden neuen ihrer Hoffnungsschimmer eine Ernüchterung folgen lässt. Die absurden Rituale des Doktorspielens im Untersuchungskämmerchen beschwört er selbst herauf; als sie ihn jedoch – einer veritablen Waldnymphe gleich – in die Natur lockt, gerät sein Wille zur Macht ordentlich ins Stocken.

Was folgt, sind dauerunterdrückte Triebe und ein Rückzugsgefecht auf Raten. Weichgespülte Härte. Melanie kapiert langsam, aber doch, sie wird auch sehr schön zornig, wobei der anschließende jägermeisteranimierte Streifzug der Girls durch die Dorfdiskolandschaft unschön endet.

Grausam ehrliches Alter

„Paradies: Hoffnung“ ist bei aller Skurrilität in erster Linie eine messerscharfe Phasenverschiebungsstudie der tiefen Verunsicherung, der sich diejenigen unterziehen, die sich zu verlieben trauen. Öffnungen, Verschlüsse. Psychisch und physisch. Krasseste Pubertät. Grausam ehrliches Alter. Was geht? In diesem meinem Leben? Was hat mein Körper damit zu tun? Was die anderen, insbesondere die Erwachsenen?

Es sind die Basics der menschlichen Beziehungen, die die Drehbuchkoautorin Veronika Franz und Ulrich Seidl interessieren, sie avisieren sie im inszenatorisch hochtaktilen Spannungsfeld von Doku und Fiction.

Und weil Seidls bisherige Forschungsarbeit durchwegs von Szenerien der radikalen Überschreitung geprägt war, weil er sich den Voyeur und Menschenverächter, den Zyniker und Sozialpornografen, den Unhold und Provokateur, als der er immer wieder bezeichnet wird, mittlerweile schon auf seine eigene Webseite gestellt und damit einverleibt hat, und weil nach der Schleife am Schwanz des Beach Boys zum Mama-Teresa-Geburtstag und Tante Anna Marias Zungenkussversuchen mit dem Kruzifix die Erwartungen für den dritten Teil in einer gewissen Hinsicht hoch hingen, gilt der Abschlussfilm nun vielen als zu sanft, harmlos, diskret.

Dabei wird erst mit „Paradies: Hoffnung“ deutlich, was manche immer schon zu wissen ahnten, nämlich dass Seidl nicht sie zeigt, wie sie sind, sondern uns, wie wir sind. Gerade das Abstandhalten vom vermeintlichen Tabubruch erzeugt jene nun endlich konstatierte „Normalität“, die den Erfahrungshorizont für all das bietet, was vorher kam – und vielleicht wieder kommen wird.

Möglichst wahrhaftig

O-Ton Seidl in einem Interview für die Filmzeitschrift Ray: „Ich versuche immer, möglichst wahrhaftig zu sein, auch wenn ich eine fiktive Geschichte erzähle. Der Zuschauer soll verunsichert sein, ob das, was er sieht, nun wahr ist oder nicht. So lehnt man sich nicht zurück und sieht andere Menschen an, mit denen man nichts zu tun hat, sondern es wirft einen auf sich selbst zurück.“

Teil 3 der Paradies-Suche eher mau zu finden bedeutet auch, sich jener exzessiven Abartigkeit viel zu sicher zu wähnen, die ihrerseits suggeriert, der andere – nicht man selbst – sei pervers. Seidls Zerrspiegel, die dem Alltagshorror seine Daseinsberechtigung wiedergeben, weichen in diesem Film einer nachgerade normalen Reflexion, die die Hoffnung auf pausenlose Radikalitätspotenzierung trübt. Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass das Paradies eben normal ist – und wir selbst uns immer erst auf dem Weg dahin befinden.

„Paradies: Hoffnung“. Regie: Ulrich Seidl. Mit Melanie Lenz, Joseph Lorenz u. a. Österreich/Deutschland/Frankreich 2012, 91 Min. Kinostart Donnerstag, 16. Mai 2013.

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