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Uli Hannemann übrigensEin Leben ohne Grapefruit-­löffel ist doch kein Leben

Neben anderen nützlichen Dingen spülte der Tod meiner Schwiegereltern auch zwei alte Grapefruitlöffel in unseren Haushalt. Ich selber hätte gar nicht gewusst, was das sein sollte: zwei recht stattliche, angelaufene und dadurch würdevoll mit Patina versehene Silberteelöffel, die um die Spitze herum mit, ich sachma, so kleinen Zähnchen versehen waren.

Meine mit den hedonistischen Kapriolen des Großbürgertums offenbar vertrautere Gemahlin erklärte mir die Chose: Man schnitt zum Frühstück eine Grapefruit in zwei Hälften. Anschließend löste man die von der Natur bereits gutwillig vorperforierten, tortenstückartigen Kompartimen­te mithilfe des scharfzackigen Grapefruitlöffels aus der Schale und teilte sie in mundgerechte Stücke.

Ich staunte. In meiner Kindheit gab es als einziges Obst immer nur Äpfel, den Volkssturm unter dem Obst. Äpfel, Brot, Kartoffeln. Das ging immer, das strahlte Autarkie aus, da machte es auch nichts, wenn der Suezkanal oder die Straße von Hormus mal wieder dicht war. Die brauchte man gar nicht. Der Apfel hing am Baum vorm Fenster, die Kartoffel schlummerte in heimischer Krume, und das Brot buk der Bäcker. An Grapefruit war kein Denken, geschweige denn an Grapefruitlöffel.

Uli Hannemann

ist seit 2001 freier Schreibmann für verschiedene Ressorts. Er ist Mitglied der Berliner Lesebühne „LSD – Liebe statt Drogen“ und Autor zahlreicher Bücher.

Nicht so in anderen Milieus, dort existierten sie längst. Und so stellte die erstmalige Verfügbarkeit des Tools sowie die Aneignung seiner Handhabung meine ganz persönliche Initiation in Gesellschaftskreise dar, von deren schierer Existenz ich früher nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Und es ist ja noch viel krasser. Denn als Erwachsener lernte ich endlich auch anderes Obst kennen. Ananas zum Beispiel. Anfangs musste ich herzlich schmunzeln wegen des drolligen Namens, doch inzwischen geht er mir leicht von der Zunge. Oder eben Grapefruit. Aber ich wusste nicht, wie man die isst. Daher übte ich mich damit meist nur im Weitwurf.

In meiner Kindheit gab es als einziges Obst immer nur Äpfel

Heute kann ich nur den Kopf über mein damaliges Ich schütteln. Ein Leben ohne ­Grapefruitlöffel ist für mich gar nicht mehr vorstellbar. Ein Mensch ohne Grapefruitlöffel dünkt mich wie ein Steinzeitmensch, der unter lautem „Ugga, ugga!“ mit der Keule auf die fremde Frucht patscht, und sich hinterher blöde glotzend über die erschwerte Verzehr­situation wundert. Das kann mir zum Glück nicht mehr passieren.

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