Überfall auf die Sowjetunion 1941: „Er nutzt den Krieg zur Propaganda“

In Russland wie in Belarus wird die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zur Unterdrückung genutzt, sagt der belarussische Autor Sasha Filipenko.

Eine Frau wird von Soldaten gewaltvoll in einen Transporter verfrachtet

Eine Demonstrantin wird am 12 September 2020 vom belarusichen Militär festgenommen Foto: Dimitri Azarov/Polaris/laif

taz: Herr Filipenko, in Ihrem Roman „Rote Kreuze“ spielt die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus eine wichtige Rolle. Das gilt auch für Ihr neues Buch über den Direktor eines Moskauer Krematoriums. Woher kommt dieses historische Interesse?

Sasha Filipenko: Dokumente zu lesen ist ein unvergleichliches Gefühl, vor allem, wenn man dann davon erzählen kann. In Belarus und Russland ist das jetzt besonders wichtig, weil die Machthaber versuchen, die Geschichte umzuschreiben und alle Schrecken, die passiert sind, vergessen zu machen.

Woran ist das zu merken?

Du siehst in Russland Leute, die auf ihren Autos Aufkleber mit der Aufschrift „1941–1945“ haben. Das bedeutet: Wir sind bereit, die Deutschen noch einmal zu besiegen.

Sasha Filipenko, geboren 1984 in Minsk, ist ein belarussischer Schriftsteller, der auf Russisch schreibt. Er studierte Literatur in St. Petersburg und arbeitete als Journalist und Drehbuchautor. Auf Deutsch liegen die Romane „Rote Kreuze“ und „Der ehemalige Sohn“ (Diogenes) vor.

Welche Rolle hat der „Große Vaterländische Krieg“ in Ihrer eigenen Familie gespielt?

Der Krieg hatte für mich als Kind der Sowjetunion immer eine große Bedeutung. Mein Großvater war Luftwaffengeneral. Von frühester Kindheit an wurde uns gesagt, dass wir die Guten seien, die das Böse besiegt hätten.

Das war doch auch die offizielle Lesart?

Ja, aber als wir im Hof Krieg spielten, wollten alle Kinder immer die Deutschen sein, weil ihnen die deutschen Uniformen aus den Filmen so gut gefielen. Wenn du jedoch ein Hakenkreuz auf die Bank maltest, kamen sofort Eltern und Freunde und schimpften, das dürfe man nicht, weil es sonst wieder Krieg geben würde.

Welchen Stellenwert hat dieser Krieg heute, vor allem in der jungen Generation?

Die einen sehen das als große Tragödie. Andere erkennen, dass der Staat diesen Krieg jetzt zur Propaganda nutzt, um die Menschen einzuschüchtern und äußere Feinde zu finden. In Russland werden alle heutigen Schwierigkeiten in der Wirtschaft mit dem Zweiten Weltkrieg begründet. Dabei weiß die junge Generation kaum noch etwas von den Schrecken des Krieges.

Gibt es weitere Folgen von Propaganda?

In Russland sind viele davon überzeugt, dass der Krieg 1941 mit dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion begonnen hätte. Niemand erinnert sich daran, dass Russland und Deutschland Verbündete waren, als sie 1939 Polen aufgeteilt haben.

Gilt das auch für Belarus?

Auch Alexander Lukaschenko benutzt den Krieg als Rechtfertigung für alles. Der ganze Westen ist für ihn gleichbedeutend mit Faschisten, alle europäischen Werte sind faschistisch. Die Sowjetunion gilt als Bollwerk dagegen.

Auch nach innen?

Seit 26 Jahren lautet Lukaschenkos Erzählung: Hauptsache kein Krieg! Alles, was er getan hat, alle Repressionen, aber auch alle wirtschaftlichen Probleme, hat er immer so begründet.

Die belarussische Literaturnobel­preisträgerin Swetlana Alexijewitsch fühlt sich von den Ereignissen in Belarus an finsterste Stalin-Zeit erinnert …

Es gibt viele Parallelen. Jeden Tag verschwinden Menschen und werden so lange gefoltert, bis sie sagen, Lukaschenko sei ein großer Führer. Der einzige Unterschied ist, dass wir nicht so viele Opfer haben wie während der Stalin’schen Repressionen. Aber wir sind ja in Belarus auch nur neun Millionen. Doch allein in den letzten neun Monaten sind 40.000 Menschen durch die Gefängnisse gegangen.

Sie haben davon gesprochen, dass die Geschichte umgeschrieben werden soll. Wie geschieht das?

Dafür gibt es sehr viele Beispiele. Aus Dokumenten geht hervor, dass die sowjetischen Truppen, als sie deutsche Lager befreit haben, hinterher sogar die Wände der Baracken mitgenommen haben, um sie zu Hause wieder aufzubauen.

Oder etwa bei den Nürnberger Prozessen, wo Roman Rudenko als sowjetischer Ankläger auftrat, ein Mann, der persönlich außergerichtliche Erlasse unterschrieb, um Menschen zu erschießen. Und so einer trat im Namen des Guten auf, um über Nazis zu richten. Heute ist in Russland die Rede davon, für Felix Dserschinski (Leiter der ersten sowjetischen Geheimpolizei, Anm. d. Red.) wieder ein Denkmal zu errichten.

Und wenn Historiker bei dieser „Umdeutung“ nicht mitspielen?

Historiker, die über die Repressionen schreiben, stehen unter großem Druck. Außerdem sind viele Quellen nicht zugänglich. Die Dokumente, die ich in „Rote Kreuze“ benutzt habe, wurden mir nicht in Russland ausgehändigt, ich habe sie in Genf gefunden. Moskau erkennt nicht an, dass der Kommunismus ein genauso verbrecherisches System war wie der Faschismus.

Was sind die Gründe dafür?

Reiner Machterhalt und der Aufbau einer totalitären Gesellschaft, die mit den gleichen Mitteln regiert wird wie in der Sowjetunion. Putin sehnt sich nach einem neuen Imperium, zu dem auch die Ukraine und Belarus wieder gehören.

Umfragen des Lewada-Zentrums in Moskau zeigen, dass der Zuspruch für Stalin wächst …

Die Umfragen zeigen nur, was sie zeigen müssen. Die Soziologie ist tot, in Russland gibt es keine unabhängigen Erhebungen mehr. Durch die Propaganda, der wir seit zehn Jahren ausgesetzt sind, steigt die Zahl der Anhänger der Sowjetunion. Heute werden Bücher mit Preisen bedacht, in denen steht: Gut, dass es in der Sowjetunion auch Lager gegeben hat, auch da habe man sich verlieben können.

Moskau und Minsk gebrauchen den Begriff Faschismus inflationär. So wird gesagt, dass die ukrainische Regierung eine faschistische Junta sei, und der Direktor der belarussischen Fluggesellschaft Belavia hat die Einstellung des Flugverkehrs durch die EU eine „faschistische Perversität“ genannt …

Der Begriff Faschismus wird als Synonym für das Böse schlechthin gebraucht und das von Leuten, wie den Anhängern Lukaschenkos, die selbst für das Böse stehen. Als Putin Truppen in die Ukraine geschickt hat, musste schnell eine Erklärung her: Es hieß, alle dort seien Faschisten, die russische Menschen erschießen. Das versteht jeder, weil jeder eine Großmutter oder einen Großvater hat, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben.

Wenn keine Auseinandersetzung mit der Geschichte stattfindet, wie wirkt sich das auf künftige Generationen aus?

Glücklicherweise gibt es immer noch Verrückte, die versuchen, in die Archive zu gelangen. Der größte Fehler von Putin und Lukaschenko ist, dass sie gegen ihre eigenen Völker kämpfen. Doch ihnen läuft die Zeit davon. Lukaschenko hat 2020 die Wahl genauso gefälscht wie allen anderen zuvor. Nur hat er nicht verstanden, dass er die Leute nicht mehr betrügen kann.

Warum?

Während Europa das Internet weiterentwickelt, versuchen Putin und Lukaschenko, es zu verbieten.

Mit welchem Ziel?

Um Geschichte zu verschleiern, Informationen zurückzuhalten. Doch das geht nicht mehr. Daher wird es ihnen nicht gelingen, die jungen Menschen umzuerziehen. Ein simples Beispiel: Als Kind habe ich Trickfilme geschaut, die liefen immer zur selben Zeit auf demselben Kanal, es gab ja nur zwei. Mein Sohn kann sich auf Youtube zwischen unendlich vielen Filmen entscheiden. Putin und Lukaschenko begreifen nicht, dass sich die Menschen längst daran gewöhnt haben, mehrere Optionen zu haben.

Welche Rolle spielt Literatur in diesem Kontext?

Keine. Die Bücher von Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn wurden schon zur Sowjetzeit millionenfach gelesen. Das hat Russland nicht daran gehindert, in nur 20 Jahren dorthin zurückzukehren, wo es jetzt steht. Deshalb sollten wir die Rolle von Literatur keinesfalls überschätzen.

Sie schreiben trotzdem.

Die Frage ist nicht, welchen Einfluss ein Buch hat, sondern ob ein Autor diese Sisyphos-Arbeit tun muss. Wenn du Zugang zu Dokumenten hast und darin deine Mission siehst, musst du schreiben und veröffentlichen. Das Wichtigste ist, dass die Geschichte nicht vergessen wird. Sobald Menschen die Repression vergessen, wird sie sich wiederholen.

Sie halten sich derzeit in der Schweiz auf. Werden Sie dort bleiben?

Ich habe nur bis Oktober einen Aufenthaltstitel. Dann werde ich mit meiner Familie wohl nach Russland oder Belarus zurückkehren müssen.

Das ist sehr riskant.

Ja. Die Schweiz ist das einzige Land im Westen, das Swetlana Tichanowskaja (belarussische Oppositionsführerin, derzeit im Exil, Anm. d. Red.) nicht auf höchster Ebene empfangen hat. Hier ist man immer noch der Meinung, dass Lukaschenko ein rechtmäßig gewählter Präsident ist.

Dennoch versuchen wir, hierzubleiben. Mein Vater wurde in Belarus bereits viermal vorgeladen, er hat seine Arbeit verloren und man teilte ihm mit, welche Gefängnisstrafe mich erwartet. Es ist erniedrigend, nachweisen zu müssen, dass ich in Gefahr bin. Sie werden mir wohl erst glauben, wenn ich festgenommen werde.

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