US-Bibliothek & Google speichern Tweets: Das Ende der Kurzlebigkeit

Wer das Gezwitscher bei Twitter für vergänglich hält, irrt: Künftig wird jede einzelne Botschaft archiviert und durchsuchbar gemacht.

Twitters Kurzlebigkeit, die stets auch einen Teil des Reizes des Dienstes ausmachte, wird in die Zange genommen. Bild: screenshot twitter/tazgeszwitscher

Der Kurznachrichtendienst Twitter hatte bislang etwas sehr vergängliches: Wer sich dort in 140 Zeichen äußerte, tat dies in dem Glauben, dass das, was er von sich gab, nur eine geringe Halbwertzeit in der Öffentlichkeit hatte - ganz im Gegensatz etwa zu Einträgen in Blogs oder auf kommerziellen Websites.

Zwar machen es die Suchmaschinen Google und Bing bereits seit dem vergangenen Jahr möglich, im Universum der mittlerweile 50 Millionen Tweets täglich zu stöbern und auch Twitter selbst betreibt auf seiner Startseite schon länger eine eigene Suchmaschine. Doch beides erlaubte bislang nur den Zugriff auf Nachrichten des jüngsten Zeitraumes, länger als ein, zwei Wochen ging es nur mit viel Aufwand und dem Durchklicken einzelner Nutzerseiten zurück.

Das ändert sich nun: Gleich von zwei Seiten her wird Twitters Kurzlebigkeit, die stets auch einen Teil des Reizes des Dienstes ausmachte, in die Zange genommen. Den Anfang macht die renommierte amerikanische Kongressbibliothek, die Library of Congress (LOC). Die nationale Erfassungsstelle alles Geschriebenen in Washington D.C. teilte ihr Vorhaben in einem fröhlichen Blog-Eintrag mit. "Haben Sie jemals einen "Tweet" beim populären Social Media-Dienst Twitter abgesetzt? Gratulation: Ihre 140 Zeichen oder weniger werden nun in der Kongressbibliothek vorgehalten", verlautbarte Matt Raymond, Kommunikationsdirektor der LOC.

Bei Twitter hieß es derweil, es sei der Firma "ein Vergnügen", den Buchbürokraten in der amerikanischen Hauptstadt den Tweet-Gesamtbestand zu überreichen - seit Anbeginn des Dienstes im März 2006. Sie dürften "für den internen Gebrauch der Bibliothek, für nichtkommerzielle Forschung, öffentliche Ausstellung durch die Bibliothek selbst sowie Erhaltung" verwendet werden. Immerhin bekommt die LOC die Daten nicht in Echtzeit - eine Wartezeit von sechs Monaten nach Eintippen ist eingeplant. Zudem ist noch unklar, ob und wie es auch einen direkten Zugang per Web zu den Daten gegeben wird.

Also noch mal "Glück gehabt!" für all jene, die gerne betrunken twittern? Nein. Den Job des Hochgeschwindigkeitsverfügbarmachers aller jemals verfassten Tweets übernimmt nämlich jemand anderes. Und zwar eine Firma, die sich mit so etwas auskennt: Google natürlich. Dort macht man wie erwähnt bereits seit längerem Twitter-Nachrichten über seine Hauptsuche verfügbar - "Echtzeit-Web" nennt sich das.

Dort wird nun Schritt für Schritt die Kurzlebigkeit getilgt: Über ein neues Interface, das Google am Mittwoch offiziell vorstellte, kann man sich so richtig Tief in die Twitter-Historie absenken. "Ab heute ist es möglich, sich zu jedem Zeitpunkt hineinzuzoomen und dann all das, was die Leute gesagt haben, im Replay-Modus zu betrachten", so eine Mitteilung im offiziellen Google-Weblog. Aktuell ist das Archiv noch recht klein und reicht nur bis zu 11. Februar 2010 zurück. Doch das soll sich schnell ändern: "Sie werden bald zurückgehen können bis zum allerersten Tweet am 21. März 2006."

Nach Google und der LOC dürften auch Microsoft und Twitter selbst demnächst damit beginnen, einen Index aller bislang erstellter Tweets anzubieten. Besonders Twitter käme das gelegen: Dort führte man in dieser Woche endlich sein lange geplantes Reklamesystem vor. Es soll über so genannte "Sponsored Tweets" funktionieren, die von Werbetreibenden bezahlt werden und in der Suchmaschine ganz oben auftauchen. Je mehr Material die finden kann, umso mehr Reklame lässt sich einblenden.

Es wird spannend zu sehen, wie die Nutzer reagieren. Beispiele für Tweets, die Menschen in die Bredouille brachten, gab es in den vergangenen Jahren schon einige - vom verlorenen Job ("Ich hasse meinen Chef!") bis zur Klage wegen Verleumdung durch Unternehmen oder Einzelpersonen, die sich in Tweets beleidigt sahen.

Jeder der öffentlich twittert, muss nun wissen, dass seine Äußerungen gleich an mehreren Stellen verewigt werden. Dagegen hilft nur das alleinige Twittern im Freundeskreis ("Closed Acount") oder das regelmäßige Reinigen ("Delete") unbotmäßiger Äußerungen. Bei letzterem bleibt nur zu hoffen, dass auch Google, die LOC und Bing die Löschung in ihren Archiven nachvollziehen.

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