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UMGARNUNG IN LIEBE

■ Faschismustagung im Literaturhaus Berlin

„Ich soll Sie schön grüßen von Ihrer Vergangenheit“ lautete das Motto der diesjährigen Autorentage, die vom Schriftstellerverband in der IG Medien und der Neuen Gesellschaft für Literatur in der vergangenen Woche veranstaltet wurden. Fünf Tage lang saßen drei bis sieben Wissenschaftler und Autoren - fast ausschließlich Männer vor drei bis achtzig Zuhörern. Was da allerdings grüßen ließ, war weniger die Vergangenheit als vielmehr die sehr zeitgemäße Orientierungslosigkeit im Umgang mit „faschistischen Phänomenen“. Die „literarische Bewältigung“ des Themas lief, trotz des Workshop-Charakters der Tagung, auf ein additatives Abhaken der einzelnen Beiträge hinaus; gekränkte Autoreneitelkeit und Unmut der zahlreich Geladenen machte sich dort breit, wo der xte Beitrag zum Thema in den engen Zeitrahmen nicht mehr reinzustopfen war.

Eklatant wurde die Konfusion beim Thema „Antifaschismus“, und zwar vor allem unter den Herren um die 50, jenen also, die mit 68er Vergangenheit heute zu den arrivierten „Kulturschaffenden“ zählen. Antifaschismus als „Aufklärung übers dumpfe Volksgefühl“ - beim Rias gerade noch möglich im Drei-Minuten-Sprechtakt, von den Einschaltquoten bei längeren „wortlastigen“ Sendungen ganz zu schweigen. „Gelingt es dann noch, antifaschistische Inhalte zu transportieren oder ist's dann nur noch Geplausch?“ fragte Ky, Krimiautor und Pädagoge, der selbst erklärtermaßen „faschistisches Verhalten ändern“ möchte. Das war Arnfried Astel vom Saarländischen Rundfunk dann schon völlig egal: „Ich will doch niemanden bekehren, sondern selbst die Wahrheit rausfinden. Nur so wird man verstanden.“

Überhaupt ginge die Konstruktion, daß die Faschisten stets die anderen seien, nicht auf. Astel, der sich selbst durch seine „Naturliebe gefährdet“ sieht, glaubt, „den Faschisten lieben“ zu müssen. Nur durch eine „Umgarnung in Liebe“ könne man heute noch mit dem faschistischen Potential in der Bevölkerung umgehen.

Aufklären oder liebevoll umgarnen - im Jenseits des Strategischen herrschte Konsens darüber, daß Parolen wie „Nazis raus aus unserer Stadt“ falsch sind. Statt Unerwünschtes auszugrenzen und rauszukotzen scheint hier eher das umgekehrte, kannibalistische Prinzip angebracht: Die 13 Prozent bundesrepublikanischer Wähler mit einem „geschlossen rechtsextremistischen Weltbild“ müssen als Teil der gesellschaftlichen Realität - wie auch immer - an- und ernst genommen werden. Ob aber einem neuen, heilsversprechenden Antifaschismus damit Genüge getan ist, daß nun die Linken ihrerseits „nationale Gefühle“ mit „konkreten Inhalten, Tugenden und Lebenszielen“ besetzen, wie von einem Literaturprofessor propagiert wurde, scheint mehr als fraglich.

Diffuse Vorstellungen über den Umgang mit Rechtsextremismus gab es auch bei den Tagungsteilnehmern aus der DDR. Einer vom Neuen Forum erhobenen Statistik zufolge würden 15 bis 27 Prozent der DDR-Bevölkerung republikanisch im weitesten Sinne wählen. In der DDR, die sich damals auf den antifaschistischen Mythos gegründet habe, ist die Faschismusdiskussion nie geführt worden: Die Nazis sind da alle, so die offizielle Version, nach drüben ausgewandert. „Wir haben den Antifaschismus verkündet, aber haben wir ihn gelebt?“ wurde darum auch in einer Erzählung des Ostberliner Schriftstellers Wilfried Bohnsack gefragt.

Die Frage, wie nun das antifaschistische Leben aussehen soll, ist von den DDR-Autoren stets nur mit dem Demokratiebegriff beantwortet worden: Nur in der Demokratie könne „das Individuum seine kreativen Kräfte freilegen“. Daß aber Demokratie gegen Einheitsfanatismus und Wiedervereinigungsoperetten nicht feit, ist eben das Dilemma, das man nicht nur auf der Tagung, sondern jeden Abend in der Nachrichten verfolgen kann.

Insa Eschebach

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