Twitter verkauft User-Daten: Jeder zweite Tweet wird ausgewertet

Der Kurznachrichtendienst hat eine neue Einnahmequelle: Er bietet Marketingfirmen an, Tweets in Echtzeit zu sehen – in einem zur Profilbildung auswertbaren Format.

So geht es auch. Bild: screenshot twitter

BERLIN taz | 2,5 bis vier Milliarden Dollar soll Google im Lauf des Jahres 2010 geboten haben, um in den Besitz des sozialen Netzwerks Twitter zu kommen. Das will zumindest der "Business Insider" aus Verhandlungskreisen erfahren haben. Twitter habe das Angebot als "beleidigend" abgelehnt.

Twitter kann es sich offensichtlich leisten, solche Angebote abzulehnen und ist trotzdem auf der Suche nach signifikanten Umsätzen. Nach vier Jahren im Netz könnte bald neben der lange erwarteten Werbeoffensive eine zweite Geldquelle erschlossen werden, Eine, die sicherlich für Kontroversen sorgen wird. Geplant ist demnach der direkte Verkauf von Nutzerbotschaften an Marketingfirmen und andere Interessierte - gegen hohe Geldbeträge.

Wie am Mittwoch bekannt wurde, hat Twitter einen Vertrag mit dem Social Media-Datenlieferanten Gnip geschlossen. Der sammelt bereits seit 2008 Informationen von YouTube, Facebook und anderen populären Angeboten und verkauft sie dann an Marketing- und andere interessierte Firmen.

So können Aktivitäten in einem sozialen Netzwerk ausgewertet werden - nach bestimmten Begriffen und sogar Nutzernamen. Nützlich könnte das sein, wenn ein US-Kundenservice-Unternehmen über Gnip nach Feedback zu von ihm betreuten Produkten sucht oder eine Werbefirma den Erfolg von Kampagnen in sozialen Netzen auswerten will.

Unternehmen können bereits jetzt versuchen, Twitter-Daten über die verfügbaren Schnittstellen auszuwerten. Doch sind diese Möglichkeiten technisch beschränkt, der Zugriff auf alle verfügbaren Informationen ist definitv nicht möglich. Wer Gnip nutzt, erhält einen Premium-Zugang. 50 Prozent aller bei Twitter auflaufenden öffentlichen Nachrichten landen beim Kunden.

Das ist eine gigantische Informationsmenge. Über 500 Tweets pro Sekunde werden übertragen. Um diesen "Halfhose" (Englisch für "halben Feuerwehrschlauch") genannten Datenstrom zu empfangen, braucht der Kunde starke Rechner und eine Leitung mit mindestens zehn Megabit pro Sekunde.

360.000 Dollar verlangen Twitter und Gnip für diesen Service. Dafür erhält der Kunde die Daten in einem leicht auswertbaren Format, sodass er Statistiken anlegen, nach Begriffen gewichten oder Profile anlegen kann. Mehr Daten als dieses Paket erhalten nur die beiden Twitter-Partner Microsoft und Google, die den Kurznachrichtendienst für ihre Suchmaschinen direkt anzapfen und Analysten zufolge mehr zahlen. Über 3000 Tweets pro Sekunde schlagen so bei denSuchmaschinenbetreibern zu Spitzenzeiten auf, im Schnitt sind es 1000 pro Sekunde.

Wer im Twitter-Strom genaue Analysen durchführen will, muss keine 360.000 Dollar in die Hand nehmen. Es geht bei Gnip auch billiger. Wem für statistische Zwecke nur zehn Prozent aller Tweets ausreichen, bezahlt nach einem US-Medienbericht 60.000 Dollar im Jahr ("Decahose"). Zufällig ausgewählte zwei Prozent gibt es für Entwickler dagegen gratis - unter dem spaßigen Namen "Spritzer".

Wem "Halfhose" und "Decahose" zu teuer sind, kann auch nur nach bestimmten Nutzern suchen lassen. Dabei wird der gesamte Echtzeitdatenstrom nach Tweets durchleuchtet, die ein Mitglied des Kurznachrichtendienstes erwähnen ("Mentionhose"). Gnip-Chef Jud Valeski glaubt, dass dies für Firmen interessant wird, die auf Twitter ablaufende Unterhaltungen studieren wollen. So könnte erfasst werden, wer die Nutzer sind, die andere Nutzer beeinflussen, sowie die "Inhalte, die gerade im Trend liegen".

Fragt sich nur, wie die Twitterer reagieren werden, wenn sie lernen, dass ihre Daten woanders zu Geld gemacht werden. Twitter hat sich in seinen Nutzungsbedingungen zwar entsprechende Rechte gesichert, doch bleibt ein mulmiges Gefühl. Der Gnip-Verkauf zeigt, dass alles, was man im Kurznachrichtendienst öffentlich äußert, gespeichert und in Suchmaschinen eingespeist werden kann. Schon als Google und Microsoft damit begannen, Twitter-Nachrichten in ihren Suchergebnislisten aufzuführen, wurde das einigen Nutzern schlagartig klar. Nun dürfte sich das Datenmaterial noch schneller verbreiten.

Ein Trost bleibt, wenn auch nur ein kleiner. Die von Gnip verkauften Daten berechtigen nicht zur erneuten Veröffentlichung des Materials. Ein Nutzer-Profiling verbieten die Verkaufsregeln aber nicht.

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