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Trumps Angriff in VenezuelaIm Schlaf von US-Raketen getroffen

Mindestens 80 Menschen starben bei der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Zivilisten wurden durch US-Luftschläge überrascht.

Trauernde bei der Beerdigung von Rosa Gonzalez, getötet durch einen US-amerikanischen Luftangriff in La Guaira, Venezuela Foto: Matias Delacroix/ap

Bei dem nächtlichen Militärangriff auf Caracas, bei der US-Spezialkräfte am Samstag den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores gefangen nahmen, ist kein US-Soldat gestorben. So verkündete es US-Präsident Donald Trump stolz. Doch er kostete Menschenleben.

Die New York Times berichtete unter Berufung auf einen ranghohen venezolanischen Beamten von 80 Toten – zivile Opfer und Sicherheitskräfte zusammengezählt. Die venezolanische Regierung hat bis heute keine offiziellen Zahlen genannt. Kubas Regierung hatte bereits am Sonntag gemeldet, 32 kubanische Sicherheitskräfte seien bei dem Angriff getötet worden. Maduros Leibwächter und engster Sicherheitszirkel stammten aus Kuba. Am Montag herrschte Staatstrauer auf der Insel.

Was darüber hinaus bekannt ist, ist hartnäckigen Recherchen von Medien zu verdanken, die gegen die venezolanische Zensur arbeiten – und sie sind immer noch bruchstückhaft. Das Onlinemedium Efecto Cocuyo hat die Namen von 18 Toten in Caracas recherchiert. Die meisten gehörten zum 6. Bataillon der Präsidentengarde. Es handelte sich um junge Männer unter 25 Jahren mit verschiedenen militärischen Rängen – darunter sogar Kadetten, die die Militärakademie noch nicht abgeschlossen hatten.

Die Ärzteorganisation Red de Médicos en Venezuela schätzte die Zahl der verletzten Militärs auf 90. Einige davon besuchte die kommissarische Präsidentin Delcy Rodríguez am Montag im Krankenhaus. Das Onlinemedium TalCual berichtet von einem Mantel des Schweigens: Beim Ortsbesuch habe das Krankenhauspersonal erklärt, es sei angewiesen worden, keine Informationen über Pa­ti­en­t:in­nen herauszugeben, die möglicherweise wegen der Attacken eingeliefert worden seien.

Raketen trafen Zivilisten

Unter den Toten ist die Kolumbianerin Yohana Rodríguez Sierra, was in dem Nachbarland für großes Medienecho sorgt. Sie und ihre Tochter schliefen in ihrem Haus in El Hatillo, im an die Hauptstadt Caracas grenzenden venezolanischen Bundesstaat Miranda, als der Beschuss sie weckte. Sie versuchten, zu fliehen. Im Hof wurde die Mutter von einer Rakete der US-Spezialkräfte getroffen. Die 45-Jährige, die von der kolumbianischen Karibikküste stammte, war sofort tot.

Seit über zehn Jahren arbeitete sie als selbstständige Händlerin in Venezuela und hatte laut Medienberichten nichts mit dem chavistischen Regime zu tun. Ihre Tochter Ana Corina Morales (22) konnte während der Attacke telefonisch Verwandte in Kolumbien verständigen und berichtete ihnen vom Tod ihrer Mutter. Sie liegt mit einer Verletzung am Bein im Krankenhaus.

Vermutlich galt der Angriff den Sendemasten in der Umgebung. Doch Raketen trafen wohl mehrere Privathäuser. „Sie wussten bereits, wo Maduro sich befand, daher verstehen wir nicht, warum sie Ziele angegriffen haben, die von Zivilisten umgeben waren, während diese schliefen, obwohl sie ihr Ziel bereits ausgemacht hatten“, sagte eine Cousine der Getöteten dem Sender Radio Nacional de Colombia.

Der linke kolumbianische Präsident Gustavo Petro verurteilte die Tat und kritisierte dabei diejenigen seiner Landsleute, die das Bombardement unterstützten. Petro ist in Lateinamerika einer der schärfsten Kritiker von Trump und dessen Militärintervention – und erklärtes nächstes Ziel des US-Präsidenten.

Die Raketenangriffe beschädigten auch Wohngebäude und Infrastruktur wie Wassertanks. Rosa Elena Gonzalez (80) wurde im Schlaf von den Raketen überrascht und starb im Krankenhaus an „Lungenkontusion, verursacht durch die Detonation“, wie laut AP-Fotojournalist Matias Delacroix auf dem Totenschein steht. Eine Kontusion ist eine Quetschung der Lunge nach einem Trauma. Sie lebte mit Neffen und anderen Angehörigen in einem Wohngebäude in der Stadt La Guaira, nahe Caracas.

In Catia La Mar, im gleichnamigen Bundesstaat La Guaira, sind ganze Fassaden von mehrstöckigen Wohnhäusern verschwunden, Gitter und Bauelemente verdreht wie nach einem Erdbeben. Familien wurden obdachlos. Be­woh­ne­r:in­nen versuchen, in den Trümmern noch Brauchbares zu finden. Das Viertel Romulo Gallegos liegt in der Nähe einer Marineakademie und wurde besonders arg verwüstet. „Wir haben nicht die Schuld daran, was in der Welt passiert“, sagt Motortaxi-Fahrer Jonatan Mallora in einem Reuters-Video. Er fordert schnelle Hilfe von der Regierung für seine Kinder und sich.

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