Trentemøllers aktuelle Platte: Elektro für Hotel-Manager

Trentemøller bezeichnet sein Album "Into The Great Wide Yonder" als "Kaffeetisch-Musik". Auch wegen solcher Ideen ist es ihm gelungen, für elektronische Musik ein neues Publikum zu erschließen.

Sieht sich trotz sinfonischer Anklänge nicht auf einer Stufe mit Beethoven: Anders Trentemøller. Bild: noam griegst

BERLIN taz | Das Hotel ist edel. Die Suite ist riesig. Und Anders Trentemøller baff darüber erstaunt. So schick, sagt er, habe er in seinem Leben noch nicht logiert. Das glaubt man sofort, wirkt der dänische Produzent in seinem leicht abgeschabten schwarzen Anzug, die struppigen Haare ins Gesicht hängend, doch tatsächlich etwas deplatziert.

Die mondäne Suite hat er dem Manager des Hotels zu verdanken. Der entpuppte sich als Fan des Kopenhagener Musikers und sorgte für einen Upgrade. Ein glücklicher Zufall für Trentemøller, aber auch ein Hinweis auf die Altersstruktur seiner Anhängerschaft: Seine Tracks schöpfen zwar aus der Dancefloor-Kultur, begeistern aber auch und vor allem ältere, gesetztere Hörer für elektronische Tanzmusik. So deutlich wie nie wird das mit "Into The Great Wide Yonder". Auf diesem, seinem zweiten Album unter eigenem Namen, entfernt sich Anders Trentemøller noch weiter von den Vorgaben und Verpflichtungen, denen ein DJ unterliegt. Schon sein Debütalbum "The Last Resort" taugte nicht wirklich dazu, einen Club zum Tanzen zu bringen. Eher begleitete das Album seine Zielgruppe auf dem Weg an die Bar der Chill-out-Zone und wurde dafür ebenso mit Auszeichnungen überhäuft wie sein Urheber. Es war, anders kann sich das Trentemøller auch nicht erklären, "wohl einfach das richtige Album zur richtigen Zeit".

Das war vor vier Jahren und Trentemøller wurde plötzlich ein begehrter Mann und durfte sogar die Pet Shop Boys und Depeche Mode remixen. Heute ist Trentemøller immer noch ein gefragter Sounddesigner, der aber den Großteil der Anfragen ablehnt und mit "Into The Great Wide Yonder" endgültig angekommen ist auf dem heimischen Sofa, über dem das Gemälde eines von Experten hoch eingeschätzten jungen Künstlers aus Berlin hängt. Davor steht ein Tischchen, auf dem ein Rotweinglas einen eingetrockneten Rand hinterlassen hat.

Trentemøller fühlt sich ertappt. Tatsächlich könne er sich vorstellen, sein neues Album mit der eher diskriminierenden Bezeichnung "Kaffeetisch-Musik" zu versehen. Die sei wenigstens treffender als "das böse Wort Chill-out". Das erinnere ihn "immer so an Panflöten". Und als er das ausspricht, da kann man sehen, wie er bei dem Gedanken an eine Folkloregruppe in der Kopenhagener City erschaudert.

Tatsächlich erreicht Trentemøller mit "Into The Great Wide Yonder" eine neue Qualitätsstufe. Sein neues Album mag offiziell noch unter "elektronische Musik" firmieren und als solche auf einem erstaunlichen Platz 37 in die deutschen Charts eingestiegen sein. Aber ganz konkret hat dieses, nennen wir es ruhig so: Werk nichts mehr mit den Veröffentlichungen anderer DJs, Produzenten und sonstiger digitaler Handwerker zu tun. Dieses Album ist keine Compilation aus Club-Tracks, kein Beat-Monster, kein DJ-Mix, keine klingende Visitenkarte zur Akquise lukrativer Remix-Aufträge. Nein, dies ist das sinfonische Werk eines Komponisten, der alle Möglichkeiten der modernen Technik nutzt. Es ist alles, nur kein Versprechen mehr auf einen schweißgebadeten Abend im Club. "Into the Great White Yonder" ist eine Sinfonie.

Das ist Trentemøller jetzt dann doch unangenehm. Unruhig rutscht er hin und her auf der schicken Couch in seiner schicken Suite: "Sinfonie ist ein mächtiger Begriff. Ich sehe mich nicht auf einer Stufe mit Ludwig van Beethoven." Will er also nicht. Könnte er aber durchaus. Denn sein neues Album schöpft aus dem Klangfundus der Popgeschichte und orientiert sich an den strukturellen Prinzipien von Soundtracks, adaptiert scheinbar schwerelos diverseste Weltmusiken und erinnert sich doch immer wieder daran, wie man einen Beat baut. Inmitten des süffigen Entwurfs sind immer wieder kleinste Überraschungen zu entdecken, darunter Alltagsgeräusche aus dem Regenwald und aus Island, Klangimpressionen, die Trentemøller mit einem kleinen Rekorder unterwegs auf Reisen aufgenommen hat.

Man sollte sich endlich mal an den Gedanken gewöhnen, dass Komponisten heutzutage nicht mehr notgedrungen mit Federkiel und Notenblatt operieren, sondern auch mit Bits und Bytes. "Ich fühle mich nicht so sehr als Komponist", pflegt Trentemøller sein Understatement, "aber tatsächlich hatte ich den Ehrgeiz, eine Platte zu machen, an der man auch neue Details entdecken kann, wenn man sie zum zehnten Mal hört."

Das ist ihm zweifellos gelungen. Womöglich läutet "Into The Great Wide Yonder" sogar ein neues Zeitalter ein. Denn bislang hat noch kaum jemand so selbstbewusst die Möglichkeiten genutzt, die ihm die digitale Revolution zur Verfügung gestellt hat. Trentemøller weist der elektronischen Musik einen Weg aus den funktionalen Vorgaben, in denen sie bis heute allzu oft verfangen scheint. Auch will er niemandem zu nahe treten, natürlich nicht, aber die meisten DJs seien doch keine echten Musiker. Die hätten zwar Ahnung von Rhythmus, aber kaum von Melodien und Harmonien. Die Folge: elektronische Musik stecke nun in einer Sackgasse.

Sie aus dieser Sackgasse herauszuführen, dazu befähigt den 1974 geborenen Trentemøller auch eine Vergangenheit jenseits der Clubkultur. Das DJ-en betreibt er erst seit drei Jahren und auch eher als Hobby, obwohl sein letztes Jahr erschienener DJ-Mix "Harbour Boat Trip" wie aus einem Guss klingt. Früher hat er in Rockbands gespielt, was inzwischen dafür sorgt, dass er "mit einem Bein in der elektronischen Welt und mit dem anderen in der akustischen" steht. Zur Verfügung stellt ihm diese Vergangenheit ein denkbar breites Spektrum an Einflüssen, aber auch die Mentalität, vollkommen unbelastet mit den Regularien der Club-Kultur umgehen zu können. Für ein Konzert lässt er im August eigens die von ihm hoch geschätzte New Yorker Art-Punkband Suicide nach Kopenhagen einfliegen, wo sie dann ihr Debütalbum komplett aufführen und Trentemøller ein Suicide-inspiriertes DJ-Set spielen wird.

Auch wegen solcher Ideen ist es Trentemøller gelungen, für elektronische Musik ein neues Publikum zu erschließen. Hörer, sagt er selbst, "die bis dahin noch dachten, Elektro wäre nur was für Roboter". Nein, Anders Trentemøller hat bewiesen: Elektronische Musik ist auch was für Hotel-Manager. Und viele mehr.

Anders Trentemøller: "Into The Great Wide Yonder" (In My Room/Rough Trade). Live: 8. 10. Berlin, 9. 10. Hamburg, 10. 10. Köln, 11. 10. München; das Konzert mit Suicide findet am 27. August in der Kopenhagener Nationalgalerie statt

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben